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Stephen King

Der Anschlag

  • Autor:Stephen King
  • Titel: Der Anschlag
  • Serie:
  • Genre:Horror
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:23 Januar 2012
  • Preis:26,99 EUR

 
»Der Anschlag« von Stephen King


Besprochen von:
 
D. Eisenhart
Deine Wertung:
(5)

 
 
Am letzten Schultag vor den Sommerferien sitzt Jake Epping noch im Lehrerzimmer und korrigiert Aufsätze. Als Al Templeton, der Betreiber des örtlichen Diners, ihn in der Schule anruft, ist Jake irritiert. Zum einen haben die beiden kein besonders enges Verhältnis und zum anderen klingt Al am Telefon um Jahre gealtert. Als Jake am Diner eintrifft, erhärtet sich dieser Eindruck. Al ist über Nacht ergraut und körperlich verfallen - er leidet an Lungenkrebs im Endstadium und hat nicht mehr lange zu leben. Die Erklärung für den schnellen Fortschritt seiner Erkrankung kann ihm Al erst geben, wenn Jake etwas gesehen hat.
Er nimmt Jake sein Bargeld, seine Kreditkarten und Papiere sowie sein Handy ab, gibt ihm dafür anderes Bargeld, das Jake irgendwie seltsam vorkommt und schickt ihn in den Vorratsraum des Diners, der die Gegenwart des Jahres 2011 mit dem Jahr 1958 verbindet. Genauer gesagt mit dem 09. September 1958, 11:58 Uhr. Obwohl Jake das nicht weiß, erkennt er doch sofort, dass er sich in der Vergangenheit befinden muss, weil die Weberei noch steht und auch in Betrieb ist, obwohl sie vor Jahrzehnten abbrannte und nie wieder aufgebaut wurde. Außerdem fällt ihm das "Kennebec Fruit" auf. In seiner Zeit ein heruntergekommenes Geschäft, das die Limonadenmarke "Moxie" vertreibt, jetzt ein florierendes Obstgeschäft, in dem auch Zeitschriften, Getränke und Snacks verkauft werden. Nachdem Jake herausgefunden hat, wann er sich befindet, bestellt er sich ein Root Beer und führt eine kurze Unterhaltung mit dem Inhaber des Ladens und dessen Sohn. Er stellt fest, dass die 50er Jahre furchtbar riechen (Fabrik- und Autoabgase), aber sein Root Beer das Beste ist, was er je getrunken hat. Er merkt, dass er diese Zeit mag und fasziniert ist von der fremdartig-vertrauten Welt um sich herum.
Er kehrt ins Diner des Jahres 2011 zurück - seit seiner Abreise sind nur zwei Minuten vergangen, "es sind immer zwei Minuten" - und erfährt endlich, warum Al ihn in die Vergangenheit geschickt hat: Er hat die letzten vier Jahre im Damals verbracht. Zuerst nutzte er seine Pforte in die Vergangenheit nur für Kurzurlaube und Einkaufstouren, doch irgendwann kam er zu der Erkenntnis, dass er diese einmalige Möglichkeit nutzen müsste, um etwas Sinnvolles zu tun. Um die Vergangenheit zum Besseren zu wenden. Um das Attentat auf John F. Kennedy am 22.11.1963 zu verhindern und ihm so das Leben zu retten. Vier Jahre hielt Al im Damals durch - dann erkrankte er an Lungenkrebs und erkannte, dass er seinen Plan nicht mehr würde durchführen können. Deshalb kehrte er zurück ins Jetzt, um sein waghalsiges Vorhaben an Jake zu übergeben - und Jake ist angetan. Er entschließt sich, Als letzten Wunsch, "den Wunsch eines Sterbenden", zu erfüllen. Als George Amberson macht er sich wieder auf den Weg ins Jahr 1958 um einen Präsidenten zu retten, dadurch den Vietnam-Krieg zu verhindern und so hunderttausenden Soldaten auf beiden Seiten ein gütigeres Schicksal als den Tod für das Vaterland zu bescheren. Und nebenbei hat er auch noch eine weitere Idee, wie er das Schicksal eines Freundes positiv beeinflussen will.

Dies ist wirklich eine lange Einführung in die Handlung des Buches, aber wenn man bedenkt, dass Stephen King hier ein 1056 Seiten starkes Werk vorgelegt hat, ist es eigentlich recht knapp gehalten. Der hier geschilderte Inhalt findet sich in den ersten vier Kapiteln, beziehungsweise den ersten 128 Seiten des Buchs. Ich habe also bestimmt nicht zu viel verraten, es gibt für jeden Leser noch genug zu entdecken. Wer nun denkt, es ginge auf all den vielen Seiten "nur" um das Kennedy-Attentat, der sei beruhigt: Es geht sehr lange darum, wie Jake zu George wird, wie er seine neue Identität und sein neues Leben vollständig ausfüllt und ein Mensch der 50er-Jahre wird. Bis zu dem schicksalhaften Tag in Dallas, an dem Lee Harvey Oswald den Abzug drücken wird, vergehen noch mehr als fünf Jahre, und George baut sich in dieser Zeit ein völlig neues Leben auf, in dem er sich wohler fühlt als in seinem richtigen Leben.
Jake Epping / George Amberson ist ein Protagonist, den ich von der ersten Zeile an mochte und in den ich mich problemlos hineinversetzen konnte. Er ist nicht der Superheld, eigentlich hat er sogar gewaltig die Hosen voll, aber er könnte niemals diese einmalige Chance vertun aus seinem langweiligen, vorgezeichneten High-School-Lehrerleben auszubrechen und etwas wirklich Wichtiges zu tun. Jake erzählt seine Geschichte selbst, als Ich-Erzähler. Allen, die diese Erzählform nicht so mögen, sei gesagt: Diese Geschichte könnte gar nicht anders erzählt werden, denn Jake erzählt dem Leser nicht nur, dass er in die 50er geht, er nimmt ihn mit. Im Jahr 2011 ist Jake ein Einzelgänger. Er ist geschieden, pflegt innerhalb der Schule nur lose Kontakte und außerhalb scheint es nur Al zu geben, der ihm täglich seinen "Famous Fatburger" serviert. Auch im Damals lebt er zu Beginn isoliert, er denkt, dass seine Aufgabe das mit sich bringen muss, aber da er diesen Lebensstil gewohnt ist, fällt es ihm nicht schwer. Erst als er nach Jodie, Texas kommt um auf den großen Tag zu warten, findet er Anschluss. In dieser Kleinstadt begegnet er sovielen liebenswerten Menschen, dass er sich nicht länger isolieren kann - und als Sahnehäubchen findet er dort seine große Liebe - Sadie Dunhill. Ich freute mich richtig für Jake alias George, als sein Panzer endlich geknackt wurde. Allerdings bleiben durch diese engen Kontakte auch Schwierigkeiten nicht aus - sein Lügengebäude bezüglich seiner Vergangenheit, seiner Finanzen, und seiner Pläne für die Zukunft gerät gewaltig ins Wanken.

Die Idee einer Zeitreise finde ich grundsätzlich immer reizvoll, wobei sich ja die Frage stellt: Lässt die Gegenwart sich überhaupt durch die Vergangenheit ändern? Bei allen Filmen und Büchern, die mir bisher zum Thema "Zeitreise" begegnet sind, tauchen früher oder später todsicher größere oder kleinere Logikfehler auf. Das liegt wohl daran, dass eine Zeitreise so abwegig und kompliziert ist, dass solche Fehler fast vorprogrammiert sind. Als Beispiel sei Terminator genannt: John Connor schickt seinen Vater in die Vergangenheit, um seine Mutter vor dem Terminator zu retten. Die beiden verlieben sich ineinander und zeugen - John Connor. Eigentlich hätte es also in der Zukunft gar keinen John geben können, da niemand seinen Vater zurückgeschickt hätte, und er nicht gezeugt worden wäre...
Stephen King umschifft solche Paradoxa geschickt - ich konnte kein einziges entdecken, obwohl ich wirklich konzentriert danach Ausschau gehalten habe. Die Regeln, die King für das Zeitreisen aufstellt sind einfach und leicht nachvollziehbar - und er hält sie ein. Das hat mich sehr verblüfft, und hat einen großen Teil zu meiner Begeisterung für das Buch beigetragen. Wer also gerne mal ein Buch mit einem richtig stimmigen Zeitreisekonzept lesen möchte, ist mit "Der Anschlag" gut beraten.

Ich bin ein großer Fan der King-Bücher bis in die 90er Jahre, als Beispiele seien hier ES, Sie, Stark, Carrie, Shining, In einer kleinen Stadt, der Novellenband Frühling, Sommer, Herbst und Tod und der Fortsetzungsroman The Green Mile genannt. Danach habe ich einige Bücher erwischt, die ich richtig schlecht fand (Schlaflos, Desperation, Duddits) und deswegen teilweise auch nicht zu Ende gelesen habe. Alles was danach kam, habe ich gar nicht mehr angefasst. Als "Der Anschlag" irgendwann bei Amazon auftauchte und ich den Kurztext gelesen hatte, war mir klar, dass ich diesem Buch unbedingt wieder eine Chance geben muss - und es hat sich definitiv gelohnt. Es war das Beste und Fesselndste, was ich seit langem gelesen habe, Stephen King ist mit diesem Buch wirklich zu alter Form aufgelaufen.
Man ist es ja von King gewohnt, dass seine Bücher in einem zusammenhängenden Universum spielen, und man deswegen ab und an in einem Buch einer oder mehreren Figuren begegnet, mit denen man nie gerechnet hätte. In diesem Buch war es für mich die Krönung, dass ein paar Figuren aus meinem "Lieblings-King" einen kurzen Gastauftritt hatten. Welche das waren, wird natürlich nicht verraten, das muss schon jeder für sich selbst herausfinden.

Einerseits ist der Titel in der Sparte Horror schon ganz gut aufgehoben, wer sich allerdings Splatterszenen im Stil von ES erhofft, wird kaum fündig werden. Es gibt ein paar solcher Szenen, aber sie sind dünn gesät. Für Grusel- und Gänsehautmomente ist dennoch reichlich gesorgt, manchmal schon allein durch die Vorstellung, was George wohl durch seine Veränderungen des Damals im Heute anrichten mag.
Vom Stil her würde ich dieses Buch am ehesten mit The Green Mile oder Frühling, Sommer, Herbst und Tod vergleichen. Obwohl ich es von Anfang bis Ende absolut spannend fand, gab es auch eher ruhige, aber nicht minder interessante Passagen, in denen George einfach einem normalen Leben nachgeht oder Vorarbeiten für seine große Aufgabe ausführt.

Hardcore-Kingfans braucht man dieses Buch sicher ohnehin nicht ans Herz zu legen, aber vielleicht allen, die den King-Büchern nach ein paar schwächeren Titeln einmal abgeschworen haben. Dieses Buch könnte durchaus einen gelungenen Wiedereinstieg darstellen. Und allen, die gelegentlich mal einen King gelesen haben oder nur seine ruhigeren Bücher mochten, könnte auch "Der Anschlag" sehr gut gefallen. Wer allerdings die brutaleren, bluttriefenden Kings liebt, wird von diesem Buch vielleicht enttäuscht sein und es langatmig finden.
 
 
 


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