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Rachel Aaron

Meister der Stimmen

  • Autor:Rachel Aaron
  • Titel: Meister der Stimmen
  • Serie:
  • Genre:Fantasy
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Knaur TB
  • Datum:03 Dezember 2012
  • Preis:8,99 EUR

 
»Meister der Stimmen« von Rachel Aaron


Besprochen von:
 
D. Eisenhart
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Eli Monpress, seines Zeichens berüchtigter Meisterdieb und gefürchteter Magier, sitzt scheinbar in der Klemme. Er ist im tiefsten Kerker der Burg Allaze im Königreich Mellinor gefangen. Doch das ist nur Bestandteil seines neuesten Coups, schließlich ist es für ihn kein Problem, den Geist der einfältigen Kerkertür in einem kurzen Plausch über die Ungerechtigkeiten des Lebens dazu zu überreden, die Nägel loszulassen, durch die sie zusammengehalten wird. Und schon steht Eli nicht mehr vor einer massiven, unbezwingbaren Tür, sondern nur noch vor einem harmlosen Bretterstapel und kann einfach aus dem Kerker spazieren, um zum nächsten Teil seines genialen Plans zu kommen: Die Entführung von Mellinors König Henrith zur Erpressung eines Lösegelds und vor allem zur Erhöhung seines eigenen Kopfgelds. Denn das ist Elis eigentliches Ziel, er möchte, dass auf ihn das höchste Kopfgeld aller Zeiten ausgesetzt wird.
Da sein Kopf ohnehin schon eine schwindelerregende Summe wert ist, ist es kein Wunder, dass sich bereits einige Kopfgeldjäger, darunter auch die Spiritistin und Abgesandte des Geisterhofes Miranda Lyonette, an seine Fersen geheftet haben. Bei der Lösegeldübergabe taucht allerdings eine Person auf, mit der Eli nicht rechnen konnte, und die ganz eigene Ziele mit Mellinor und König Henrith verfolgt. Dadurch wird der ganze gut durchdachte Plan über den Haufen geworfen, und Miranda sieht sich gezwungen mit Eli und seiner Truppe zusammenzuarbeiten, um ein größeres Übel als einen Dieb zu bekämpfen.

Dieses Buch hat seinen ganz eigenen Charme: mit viel Humor, Ironie und stets mit einem Augenzwinkern erzählt Rachel Aaron den Beginn ihrer Serie "The Legend of Eli Monpress". Mich hatte sie schon im ersten Kapitel als Fan gewonnen, denn die Szene, in der Eli sich mit der Kerkertür (genauer gesagt eigentlich nur mit dem Geist des Holzes der Tür) unterhält, ist so herrlich schräg und witzig, dass ich hier schon zum ersten Mal laut lachen musste. Und zum Glück behält die Autorin diesen Stil bei, wodurch die ganze Geschichte so locker und fluffig daherkommt, dass man gefühlt viel zu schnell am Ende angekommen ist.

Auch das Magiesystem, das die Autorin erdacht hat, hat mir sehr gut gefallen. Jedes Ding hat seinen eigenen Geist: die Kerkertür, ein alter Kartoffelsack oder auch irgendein Baum oder Stein auf einer Waldlichtung. Elis besondere Gabe ist sein strahlendes Wesen, das es ihm ermöglicht, mit all diesen Geistern in Kontakt zu treten und sie dazu zu bringen, ihm unbedingt einen Gefallen tun zu wollen.
Diese Gabe scheint bisher völlig einzigartig zu sein, denn alle anderen Magier nutzen das Potenzial der Geisterwelt auf gänzlich andere Weise: Miranda ist beispielsweise Spiritistin, sie hat mit einigen Geistern, unter anderem mit einem Feuer- und einem Erdgeist eine symbiotische Verbindung. Die Geister stehen in ihren Diensten und leben in den Juwelen, die Miranda an den Fingern trägt. Bei Bedarf verlangt sie von ihren Geistern Unterstützung im Kampf. Eine dritte Variante stellen die sogenannten Versklaver dar, die den Geistern brutal den eigenen Willen aufzwingen und sie so auch in den Tod oder den Wahnsinn treiben können.
Ich finde dieses Magiesystem sehr ansprechend, weil mir etwas ähnliches bisher noch nicht begegnet ist. Die Grundidee, nämlich dass alles einen Geist hat, mit dem man unter den richtigen Umständen in Kontakt treten kann, fand ich jedenfalls sehr gelungen.

Über die Welt des Eli Monpress lässt sich bisher noch nicht viel sagen. In "Meister der Stimmen" hat der Leser nur das Königreich Mellinor kennengelernt, das aber ein eher kleines, unbedeutendes Reich ist. Die Welt wirkt mittelalterlich, es wird mit Pfeil und Bogen oder dem Schwert gekämpft, man bewegt sich auf Reittieren fort und es gibt Könige, Burgen und Kerker. Gerade dadurch, dass bisher nur dieser eine Schauplatz vorgestellt wurde, und andere, wie beispielsweise der Geisterhof (anscheinend der Sitz der Spirtisten), nur am Rande erwähnt wurden, bin ich sehr gespannt auf weitere Bände. Ich denke, hier ist noch alles offen und könnte mir vorstellen, dass den Leser diesbezüglich noch die eine oder andere Überraschung erwartet.

Die Charaktere waren mir auf Anhieb sympathisch, allen voran natürlich Eli Monpress. Er ist ein charmanter, humorvoller Typ, obwohl er ja ein gefürchteter Meisterdieb ist. Allerdings ist er ein "Gentleman-Verbrecher" wie aus einem 60er-Jahre-Film entsprungen, der immer darauf bedacht ist, nur materiellen Schaden anzurichten und keine Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Da es in diesem Buch ganz schön zur Sache geht, und es nicht damit getan ist, unsichtbar reinzugehen und die Schatzkammer zu plündern, gibt es natürlich einige Kollateralschäden, vorwiegend unter den Burgwachen. Eli hält sich aus den Kämpfen aber immer heraus, seine Stärken liegen anderswo und fürs Grobe ist sein Schwertkämpfer Josef Liechten zuständig.
Josef ist der wortkarge Typ, dem Elis Vorgehensweise oft zu langweilig und zu bedächtig ist. Die dritte im Bunde ist das Mädchen Nico - allerdings ist sie nicht einfach nur ein Mädchen, sondern hat noch eine ganz andere Seite, die sie meistens unter einem schweren, schwarzen Mantel versteckt.
Die Motive der einzelnen Figuren bleiben noch weitgehend im Dunkeln und ihr Verhalten wirft oft Fragen auf. Warum will Eli beispielsweise unbedingt ein so legendäres Kopfgeld erreichen? Es sollte die Arbeit eines Meisterdiebs doch ungemein erschweren, wenn ständig eine ganze Horde Kopfgeldjäger an seinen Fersen klebt? Und was hält dieses Trio eigentlich zusammen, sind sie ein echtes Team oder nur eine Zweckgemeinschaft? Wie haben diese so unterschiedlichen Figuren überhaupt zusammengefunden? Da gibt es also noch viele schwarze Löcher, die die Autorin hoffentlich in kommenden Bänden füllen wird.
Und dann gibt es natürlich noch Miranda Lyonette, die für Recht und Gesetz steht. Sie steckt voller eiserner Prinzipen, ist sehr korrekt und mit Leib und Seele den Zielen des Geisterhofs verschrieben. Durch die Zusammenarbeit mit Eli muss sie allerdings ihre Vorstellungen das eine oder andere Mal auf den Prüfstand stellen, und stellt fest, dass sie so einige ihrer Ansichten einfach von ihrem Mentor übernommen hat, ohne sich jemals eigene Gedanken dazu zu machen. Ich denke, gerade sie könnte noch für die eine oder andere überraschende Entwicklung sorgen.

Ich schreibe eigentlich selten in einer Rezension etwas zum Cover, da mir das nicht so wichtig ist. In dem Fall finde ich das Cover aber leider sehr schlecht gewählt und möchte daher auch ein paar Worte dazu loswerden.
Für mich sieht es einfach nach irgendeinem "geheimnisvollen Standard-Fantasycover" aus, das auch so ungefähr jeden anderen Genre-Vertreter einkleiden könnte: Eine mit einem Mantel verhüllte Figur wendet dem Leser den Rücken zu und blickt auf ein Bergmassiv. Im Buch spielen Berge keine nennenswerte Rolle und die einzige Figur, die einen Mantel trägt ist Nico, die bisher nur als Nebenfigur fungiert und sicher nicht auf dem Buchcover abgebildet wird. Darüber hinaus empfinde ich das Cover als langweilig und nichtssagend, es wird der Story nicht gerecht und ohne den Klappentext hätte ich niemals zu diesem Buch gegriffen.
Dasselbe trifft leider auch auf den Titel "Meister der Stimmen" zu. Er passt zwar irgendwie schon zur Handlung, sagt aber trotzdem nichts aus und ist nicht sehr verführerisch. Der Originaltitel "The Spirit Thief" bringt es dagegen viel mehr auf den Punkt, also wäre vielleicht eine einfache Übersetzung (Der Geisterdieb) treffender gewesen.
Vielleicht denke ich nach weiteren Bänden anders darüber, und es ergibt sich ein großes Gesamtbild, aber bisher bin ich von der Vermarktung des Buches nicht überzeugt und denke, dass der Verlag mit einem frischeren Cover und einem treffenderen Titel viel mehr Leser erreichen könnte.

Als Fazit bleibt mir zu sagen, dass man sich bei diesem Buch nicht von dem drögen Cover abschrecken lassen sollte, denn man erhält eine witzige, spritzige Geschichte, die hoffentlich der Auftakt zu einer großartigen Serie sein wird. Es gibt im Original bereits vier Bände über Eli Monpress, der fünfte wird im November erscheinen. Hier kommt dann meine nächste Hoffnung ins Spiel, nämlich dass auch alle Bände für die deutschen Leser übersetzt werden, denn der Auftakt zur Legende des Eli Monpress ist absolut vielversprechend.
 
 
 


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