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Bentley Little

Schemen

  • Autor:Bentley Little
  • Titel: Schemen
  • Serie:
  • Genre:Horror
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Bastei Lübbe
  • Datum:25 September 2010
  • Preis:7,50 EUR

 
»Schemen« von Bentley Little


Besprochen von:
 
D. Eisenhart
Deine Wertung:
(3.5)

 
 
Bob Jones ist wie sein Name: absoluter Durchschnitt. An ihm ist nichts außergewöhnlich, er mag die Musik aus den Top Ten, die Filme mit den höchsten Besucherzahlen und die Fernsehsendungen mit den besten Einschaltquoten. Er ist der Inbegriff des Durchschnittsamerikaners.
Da er gerade mit dem College fertig geworden ist, ist er bereits seit einiger Zeit auf Jobsuche. Er stellt sich bei der Firma Automated Interface vor, und obwohl er für die ausgeschriebene Stelle denkbar ungeeignet ist, erhält er eine Zusage. Das Problem: Bob hasst diesen Job. Aus tiefstem Herzen. Sein Boss und seine Kollegen mobben ihn, er wird zuerst vom Kollegenkreis ausgeschlossen und später komplett ignoriert. Die Probleme bei der Arbeit wirken sich auch auf Bobs Privatleben aus. Seine Freundin Jane, mit der er zusammenlebt, spürt seine Veränderung und sucht seine Nähe, aber er lässt sie nicht mehr an sich heran.
Irgendwann geht Bob auf, dass die Kollegen ihn nicht absichtlich ignorieren, sie scheinen ihn tatsächlich gar nicht mehr wahrzunehmen. Egal wie exzentrisch er sich anzieht, wie unmöglich er sich benimmt, er bekommt bei der Arbeit keinerlei Aufmerksamkeit. Das löst bei ihm eine Kurzschlussreaktion aus, durch die er in Kontakt mit einer Gruppe von Leidensgefährten, anderen Ignorierten, kommt - wodurch sein Leben eine entscheidende Wende erfährt.

Wie schon in "Verderben" greift Bentley Little ein gesellschaftliches Phänomen auf, wenn auch diesmal eher im Kleinen, im Privaten und weniger auf politischer Ebene.
Wer kennt sie nicht, die notorischen Langweiler, die Durchschnittstypen, die seltsamen Sonderlinge, die einen bei jeder Unterhaltung zum Gähnen bringen? Man neigt dazu, diesen Menschen möglichst aus dem Weg zu gehen, sowohl am Arbeitsplatz als auch im Bekanntenkreis. Manchmal fragt man sich, warum ein interessanter, witziger Mensch sich so einen langweiligen Partner ausgesucht hat. Ich denke, niemand kann sich so ganz von dieser Verhaltensweise freisprechen.

Umso näher man Bob kennenlernt, umso nachdenklicher wird man und hinterfragt sein eigenes Verhalten. Bob hatte in seiner wachsenden Verzweiflung, in seinem verbissenen Bemühen irgendeine Reaktion - egal ob positiv oder negativ - bei seiner Umwelt hervorzurufen, mein vollstes Mitgefühl und ich konnte bis zu einem gewissen Punkt gut nachvollziehen, warum er zu immer drastischeren Maßnahmen greift.
Und dennoch blieb ich Bob Jones gegenüber merkwürdig distanziert. Dieser Spagat ist Bentley Little ausgezeichnet gelungen, einerseits kann man sich beim Lesen so gut in den armen Kerl hineinversetzen, aber andererseits lehnt man ihn doch auch genauso ab, wie es sein Umfeld tut.

Und irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Was ist eigentlich so schlimm daran, ein Ignorierter zu sein - bedeutet das nicht auch grenzenlose Freiheit? Little überzeichnet die Situation natürlich: Bob wird schließlich so gründlich ignoriert, dass er sich so gut wie alles erlauben kann. Er muss für seinen Konsum nichts mehr bezahlen, er kann sich einfach nehmen, was er braucht. Er kann sich total daneben benehmen und niemand regt sich drüber auf. Er könnte sogar nackt durch die Straßen laufen und keiner würde sich nach ihm umdrehen.

Mir gefiel definitiv das Thema, das Bentley Little sich ausgesucht hat und ich mochte auch die Umsetzung. Der Mann kann definitiv hervorragend erzählen und dem Leser eigentlich absurde Situationen als glaubwürdig und plausibel verkaufen.

In der Rückblende finde ich dann allerdings ein paar Dinge nicht ganz so gelungen, es blieben Fragen, auf die der Autor meiner Meinung nach zu wenig einging:
Warum bekommen Ignorierte überhaupt einen Job oder einen Partner, wo sie doch so wenig im Gedächtnis haften bleiben? Gut, das kann man noch dadurch erklären, dass der Zustand des Ignoriert-Seins sich im Laufe der Zeit verschlimmert.
Aber dann bleibt noch die Frage, ob Bob nicht selbst Mitschuld an seinem Dilemma trägt. Denn eine Zeitlang gibt es einen Kollegen, mit dem er sich versteht, der seinen Arbeitstag erträglich macht. Er sehnt sich zu diesem Zeitpunkt bereits so sehr nach zwischenmenschlichen Kontakten, dass ihm dieser Mensch eigentlich wie ein Wunder vorkommen muss. Und als dieser Kollege ihn fragt, ob sie nach der Arbeit noch etwas unternehmen wollen, weist Bob ihn zurück. Dadurch wird die anfängliche Sympathie erstickt, das Verhältnis kühlt sich zuerst merklich ab, und schließlich wird er von ihm genauso ignoriert wie von allen anderen.
Warum reagiert Bob ablehnend? Und warum lässt er zu, dass die Kluft zwischen ihm und Jane immer größer wird? Wäre sein Schicksal ein anderes, wenn er nicht die wenigen Personen, die ihn zur Kenntnis nehmen, denen er wichtig ist, abweisen würde? Ich finde Bobs Verhalten an diesen Punkten einfach nicht schlüssig.

Dadurch fand ich "Schemen" nicht ganz so rund und stimmig wie meinen letzten Little und deswegen bleibt es diesmal, trotz gutem Ansatz und mitreißendem Stil und obwohl das Buch mich sehr gut unterhalten hat, bei 3,5 Sternen.
 
 
 


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