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Dan Simmons

Drood

  • Autor:Dan Simmons
  • Titel: Drood
  • Serie:
  • Genre:Fantasy
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:11 Oktober 2010
  • Preis:EUR 10,99 EUR

 
»Drood« von Dan Simmons


Besprochen von:
 
Heiner Stiller
Deine Wertung:
(3.5)

 
 
Als Charles Dickens 1865 von einer Reise nach Paris mit dem Zug auf dem Weg zurück nach London war, kam es in Staplehurst zu einem der ersten Zugunglücke in der Geschichte der Eisenbahn. Der erste Klasse Waggon in dem Dickens sitzt bleibt unbeschädigt und der Dichter unverletzt. Noch bevor Rettungskräfte eintreffen hilft Dickens den Verletzten soweit es in seiner Macht steht. Soweit die geschichtlich belegten Tatsachen, auf denen Dan Simmons sein Buch Drood aufbaut. Er erzählt darin die Geschichte der letzten fünf Lebensjahre Dickens, erzählt aus der Sicht von Wilkie Collins, der selbst Autor und gut bekannt mit Dickens war. Jedoch wäre Simmons nicht der Autor der er ist, wenn da nicht ein Dreh an der Geschichte wäre: Während er den Verletzten des Zugunglücks hilft sieht Dickens eine hagere hochgewachsene Gestalt, die zwischen den Opfern umhergeht und kein Zugpassagier zu sein scheint. Mehr noch, Dickens glaubt zu sehen, wie diese Figur im vorbeigehen Sterbenden den Lebensfunken entzieht. Ohnehin schockiert und traumatisiert beginnt Dickens dieser Gestalt nachzuspüren und erfährt schließlich auch deren Namen: Drood!

Das Leben Charles Dickens und das des Erzählers Wilkie Collins waren voll von interessanten, spannenden und geheimnisvollen Aspekten. Dickens z.B. pflegte immer wieder inkognito der sicheren Welt des gefeierten Autors zu entfliehen und sich als Allerweltskerl verkleidet unter das gemeine Volk zu mischen um dort seine Geschichten zu recherchieren. Collins war von der Opium Tinktur Laudanum abhängig was ihn mitunter zu einem nur bedingt zurechnungsfähigen Beobachter machte. Dieser Aspekte und vieler anderer Umstände aus Dickens und Collins Leben bedient sich Simmons um in den geschichtlich verbrieften Winkeln der letzten Lebensjahre des Dichters das Unheimliche sprießen zu lassen. Verbriefterweise hat sich Dickens nach dem Zugunglück verändert, Simmons führt das auf die fiktive Begegnung mit Drood zurück, der den Dichter in der Geschichte auf vielerlei Art immer wieder begegnet, ja, man gewinnt manchmal den Eindruck das er regelrecht verfolgt wird.

All das findet in der bipolaren Welt des viktorianischen London statt, dessen lichte Seite aus Wohlstand und Luxus im Überfluss besteht, während die Schattenseiten kaum dunkler und bedrohlicher sein könnten. Immer wenn Dickens und Collins sich in den Brodem der vom miasmatischen Pesthauch menschlichen Verfalls und Armut stürzen, läuft der Roman zu Höhepunkten auf, wird bedrohlich und unheimlich in der Authentizität der Schilderung dieser Stadt. So gruselig die Gespenster sind, die Dickens und Collins heimsuchen, so verblassen sie doch im Angesicht des Alltags einer Stadt und ihrer Bewohner, deren Leben uns so vertraut scheint und das letztlich doch so aberwitzig anders ist.

Wer eine Geschichte nach Schema F sucht, wird hier nicht fündig. Zwar sind alle Ingredienzien vorhanden, jedoch widersteht Simmons der Versuchung aus „Drood“ ein traditionelles Gruselmärchen mit Charles Dickens in der Hauptrolle zu machen. Dickens geschichtlich verbrieftes Leben ist der Spannungsbogen, die Stadt London ist der Hintergrund, die Leinwand auf der Simmons ein regelrechtes Sittengemälde der viktorianischen Epoche entwirft das er nur gelegentlich mit phantastischen Akzenten versieht. So wirklich bedarf die Geschichte es auch keiner Monster, denn wenn Dickens, Collins und Ihr Führer auf einem Ausflug in die Unterstadt in einer verlassenen und verdreckten Gasse auf die Reste der Arbeit einer Engelmacherin (Eine Frau die Abtreibungen vornimmt) stoßen, erkennt der Leser, das die Stadt und was sie aus ihren Bewohnern macht das eigentliche Monster ist. Und wer weiß, vielleicht war es ja diese menschliche Eiseskälte die Dickens in seinen letzten Lebensjahren so zugesetzt hat und sich in seiner Phantasie als Drood manifestiert hat.

Auf jeden Fall hat Simmons einen packenden Roman abgeliefert, der gut recherchiert und spannend erzählt ist. Mitunter geht die Fabulierlust mit Simmons etwas durch, was dazu führt, dass es eine Reihe von Passagen in dem Buch gibt, die irgendwie nicht wirklich etwas mit der Hauptgeschichte zu tun haben. Nicht das diese langweilig wären, aber sie lenken ab und irritieren. Trotz dieser Einschränkung ist „Drood“ durchaus lesenswert und besonders für Leser die Romane der „alternate History“ Spielart der Fantasy mögen empfehlenswert. Wobei eingeschränkt werden muss, das die verbriefte Geschichtsschreibung an keiner Stelle außer Kraft gesetzt wird und das alternieren der Historie höchst dezent geschieht.
 
 
 


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