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Colin Harvey

Gestrandet

  • Autor:Colin Harvey
  • Titel: Gestrandet
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:09 Januar 2012
  • Preis:9,99 EUR

 
»Gestrandet« von Colin Harvey


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(3.5)

 
 
Der Feind schlägt überraschend zu und nur durch das schnelle Eingreifen der Schiffs-KI gelingt es Karl Allman mit knapper Not sein Raumschiff zu verlassen. Eingepackt in einen „Anzug“ aus einem Lebenserhaltungsgel stürzt er auf den Planeten Isheimur ab. Die dortigen Einwohner, menschliche Kolonisten die vor Jahrhunderten ebenfalls auf dem Planeten gestrandet sind und auf eine mittelalterliche Kulturstufe zurückgefallen sind, entdecken und pflegen ihn. Durch Aufzeichnungen seiner Schiffs-KI, die quasi als Unterbewußtsein in seinen Körper downgeloaded wurde bevor das Schiff explodierte, weiß Allman das es auf Isheimur noch ein Raumschiff gibt, die Winter’s Song (das ist auch gleichzeitig der Originaltitel des Buches), das eine Art Funkfeuer aussendet. Es scheint zwar nur ein Wrack zu sein, halb eingeschlossen in einem vereisten See, aber für Allman die eventuell einzige Möglichkeit auf Hilfe. So macht er sich, in der Hoffnung einen Funkspruch absetzen zu können, auf den beschwerlichen Weg - verfolgt von den Leuten, die ihn gerettet haben und der Meinung sind, er müsste noch den Preis für ihre Hilfe, abarbeiten. Seine treuen Begleiter sind das Eingeborenenmädchen Bera und ein intelligentes Lebewesen namens Coeo.

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Tja, wer immer schon mal wissen wollte was dabei herauskommt wenn Diana Gabaldon einen Roman über das Telefonbuch von Island schreibt, der ist nach dem Buch von Colin Harvey um eine Erfahrung reicher. Ob er aber damit glücklicher ist, bleibt die Frage.

Nein, im Ernst, der Klappentext lässt vermuten, dass es sich um ein reißerisches Machwerk über den Überlebenskampf eines abgestürzten Astronauten, auf einer bestialischen Welt, handelt. Aber weit gefehlt. Wären die ersten und die letzten paar Seiten nicht könnte man das ganze Buch auch für einen Historienroman halten. Die, vom Klappentext her beschriebenen, ach so blutrünstigen Eingeborenen, entpuppen sich als ebenfalls gestrandete menschliche Siedler, welche ein karges und erbarmungswürdiges Leben auf Isheimur führen. Nicht genug zu futtern und immer am frieren, machen sie genau das, was ihre einzige Freude ist – sie vögeln munter drauflos. Quer durch die ganze Familie.

Karl Allman, der bedauernswerte Gestrandete, wird, nachdem er gesundgepflegt wurde, dann auch ziemlich schnell das begehrte Objekt der auf der Farm anwesenden Frauen. Aber Karl ist standhaft. Er ist auf seinem Heimatplaneten Avalon verheiratet (irgendwie auf jeden Fall, ich hab’s nicht wirklich verstanden, war mir aber auch nicht so wichtig) und kurz davor Papa zu werden. Daher will er weg von Isheimur. Ist ja auch verständlich. Nur, der Chef der Siedlung, Gothi Ragnar Helgrimsson, will ihn nicht so einfach gehen lassen. Er soll erst den Preis für die Hilfe die ihm zugute kam und die begrenzten Ressourcen die dafür verwendet wurden, abarbeiten. Das will Karl aber nicht, also haut er in einer Nacht und Nebelaktion mit der hiesigen Dorfschönheit Bera Sigurdsdottier (muss wohl eine echte Sexbombe sein, dann alle Kerle im Dorf Skorradalur sind scharf auf sie), die gebürtig aus Surtuvatn ist (nein, ich habe mir die Namen nicht ausgedacht). Unterwegs treffen sie dann Coeo, einen vorgeblichen Troll. Da Trolle böse sind, werden sie gleich dutzendweise von den Männern aus Skorradalur erschlagen. Dummerweise sind die Trolle gar nicht böse, sondern ebenfalls menschliche Sieder, welche für die Umwelt des Planeten Isheimur genetisch verändert wurden. Und nun sehen sie halt aus wie Trolle und können sich, da sie sich in einem höheren Frequenzbereich als die anderen Menschen unterhalten und des isländischen nicht mächtig sind, nicht mit diesen verständigen. Aber mit Karl können sie das, denn Karl ist Karl und hat immerhin die downgeloadete Schiffs-Ki in seinem Kopf. Immer wenn die das Kommando über den Körper übernimmt, verändert sich Karls Wesen und Auftreten. Dann wird er, nein, nicht zur Wildsau, sondern zu Loki. Klingt vielleicht etwas wirr, aber das ist es ja auch.

Es ist etwas schade das sich die Geschichte nur auf den Planeten Isheimur konzentriert und das restliche, von Menschen besiedelte Universum, außen vor lässt. Das einzige was der Leser erfährt ist, dass die Menschheit (mal wieder oder immer noch) zersplittert ist. Da gibt es z.B. die Gruppe der Gestalter und die der Tropisten. Die einen wollen eine Welt ummodeln damit die Menschen auf ihr Leben können und die anderen wollen die Welt so lassen wie sie ist und statt dessen die Menschen gentechnisch verändern, so das sie auf der Welt leben können. Beide Gruppen sind sich aber einig, dass nur eine Methode, und zwar ihre eigene, die einzig wahre ist und somit einen Grund haben einen Krieg zu führen. Und das sind nur zwei von vielen Gruppen.

Was ich wirklich interessant finde, sind die ehemaligen Staatsangehörigkeiten der beiden gestrandeten Siedlergruppen auf Isheimur. Als Leser ist man irgendwie gewohnt das es entweder amerikanische, mitteleuropäische, russische oder chinesische Namen sind die man dort liest. Aber Harvey geht einen anderen Weg. Die eine Gruppe sind ehemalige Isländer, die andere Gruppe (die Trolle) besteht aus Menschen aus Kasachstan. Wie kommt man nur auf so eine Zusammensetzung? Ebenfalls noch erwähnenswert ist, dass die Geschichte in kurzen Kapiteln auch aus der Sicht von Loki, der sich in dem Bewusstsein von Allman befindlichen Schiffs-KI, erzählt wird. Die Erzählebene wechselt dann in die Dritte-Person über. Das verleiht der Geschichte durchaus einen zusätzlichen Reiz.

Die Charakterzeichnung der drei Hauptpersonen (Allman, Bera und Ragnar) ist gelungen und funktioniert mehr auf der mentalen und gefühlsbetonten Ebene. Ein bischen mehr Hintergrundwissen über die drei wäre vielleicht noch etwas hilfreicher gewesen. Allman scheint ganz OK zu sein und hadert nicht lange über sein ihm widerfahrenes Schicksal. Tatkräftig setzt er seinen einmal gefassten Entschluss in die Tat um und verlässt die Siedlung. Bera ist die liebe nette Sexbombe von nebenan. Sehr mitfühlend, mutig, beherrscht und ziemlich intelligent (für eine Sexbombe). Sie kennt sich gut mit der Technik, die trotz allem teilweise bewahrt wurde, auf Isheimur aus und ist für die Flucht von Allman von entscheidender Bedeutung und großer Hilfe. Ragnar ist genau der Schwiegervater, den man sich und seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Herrisch, rachelüstern und gewalttätig, aber dennoch irgendwie, auch wenn’s paradox klingt, fair, nicht unsympathisch und ein guter Anführer.

An zwei Punkten hakt die Geschichte allerdings dann doch etwas. Die Winter’s Song, das kasachische Raumschiff, hat Isheimur vor den Isländern erreicht. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen haben sich die Astronauten entschlossen auf dem Planeten zu bleiben und die Siedler (später von den Isländern Trolle genannt) zu genmodifizieren, damit diese auf Isheimur überleben können. Anstatt aber den Siedlern die an Bord befindliche Nanoschmiede zu übergeben, eine Schmiede mit deren Hilfe sich alle wichtigen und lebensnotwendigen Teile hätten problemlos herstellen lassen, wird die Schmiede den Siedlern offensichtlich vorenthalten und diese fallen in den nachfolgenden Jahrhunderten auf eine fast barbarische Stufe zurück. Das hätte alles nicht sein müssen und wirkt daher auch ziemlich unlogisch. Der zweite Punkt ist die Winter’s Song selbst. Das Raumschiff hat über Jahrhunderte in einem zugefroren See gelegen. Die Luken und Luftschleusen schließen nicht mehr richtig und sind teilweise schon angerostet. Dennoch gelingt es Allman nicht nur ohne große Probleme das Raumschiff zu starten, sondern auch unmittelbar darauf, in einem monatelangen Einsatz und unter Extrembelastungen für das Raumschiff, den Planeten zu retten. Auch wenn das Raumschiff damals zwar nicht abgestürzt ist, sondern normal gelandet wurde, ist das doch extrem unwahrscheinlich.

Das Ende ist eitler Sonnenschein. Bera, die Sexbombe, ist schwanger, Isländer und Kasachen miteinander versöhnt, der Vergewaltiger hat seine gerechte Strafe bekommen und die Welt gerettet (wie, das muss jeder selbst nachlesen). Aber halt, ist die Welt wirklich gerettet? Und überleben unsere Helden das Abenteuer? Eben das bleibt offen und ist somit ein Grund dem Buch eine Fortsetzung zu verpassen. Das schreit fast danach. Denn eines darf man nicht vergessen: Letztendlich kann nur eine der beiden Siedlergruppen auf Isheimur überleben. Beide Lebensräume sind, durch die Genmodifizierung der Kasachen bedingt, nicht kompatibel miteinander. Eine Fortsetzung wäre daher echt nicht schlecht, denn obwohl das Buch wirklich Längen hat und teilweise mehr ein Historienschinken denn ein utopischen Buch ist, so hat es dennoch seinen eigenen gewissen Reiz. Und vielleicht tauchen in der Fortsetzung dann endlich auch Häger der Schreckliche und Sven Glückspilz auf.

Nachtrag:
Eine Fortsetzung wird wohl doch nicht erscheinen. Colin Harvey verstarb am 15. August 2011 an einem Schlaganfall. Er wurde nur 50 Jahre alt.
 
 
 


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