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Phillip P. Peterson

Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit

  • Autor:Phillip P. Peterson
  • Titel: Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch)
  • Datum:10 Dezember 2015
  • Preis:9,99 EUR

 
»Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit« von Phillip P. Peterson


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Der junge Physiker David Holmes macht im Zuge seiner Doktorarbeit eine, wie sich später noch herausstellen wird, folgenschwere Entdeckung. Alle Sonden die unser Sonnensystem verlassen, verschwinden, wenn die Entfernung zu unserer Sonne mehr als 136 Astronomische Einheiten beträgt, spurlos von allen Bildschirmen. Egal in welche Richtung sie ausgeschickt wurden.

Zur gleichen Zeit verrichtet der US Astronaut Ed Walker, zusammen mit einer amerikanischen Kollegin und einem russischen Kosmonauten, an Bord der Internationalen Raumstation ISS seinen Dienst. Nach Ablauf der Mission soll die ISS endgültig aus Alters- und Kostengründen verschrottet und über unbewohntem Gebiet zum Absturz gebracht werden. Durch ein Missgeschick bei einem verunglückten Ankopplungsversuch wird die ISS jedoch irreparabel beschädigt und die drei können nur knapp einer Katastrophe entkommen.

Ed, nach der missglückten Mission am Boden zerstört und desillusioniert was seine weitere Verwendung bei NASA anbelangt, bekommt dennoch wie aus heiterem Himmel einen neuen Auftrag. Dem Unternehmen CENTAURI ist es gelungen, einen neuartigen Antimaterie-Fusionsreaktor zu entwickeln. Mit Hilfe dieses Antriebes können ungeahnte Geschwindigkeiten erreicht werden, einer Erforschung der näheren Sonnensysteme steht somit nun nichts mehr im Wege – wäre da nicht diese ominöse Barriere 136 AE von der Sonne entfernt.

Der neue Auftrag von Ed besteht darin, zusammen mit David Holmes und zwei weiteren Astronautinnen, Wendy Michaels und Grace Cooper, den Weg zum Rand des Sonnensystem anzutreten und die unsichtbare Barriere zu untersuchen. Die Reise hin dauert rund 6 Monate. Was Ed, David, Grace und Wendy dort entdecken ändert für die Menschheit einfach alles – und zwar grundlegend.

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Das war also, der vielgelobte und 2015 mit dem Deutschen Self Publishing Award ausgezeichnete Roman des Deutschen Phillip P. Peterson. Das der Autor weiß wovon er schreibt kann man anhand seiner Vita erkennen. Das Buch hat mir, ich will es gleich vorweg nehmen, unheimlich viel Spaß gemacht. Es ist spannend, es ist technisch und informativ, es ist eine Utopie und entwickelt sich zu einer Dystopie, wie sie schwärzer nicht sein könnte. So wie die Welt und die Menschheit sich aber mittlerweile entwickelt haben, halte ich Petersons Szenario durchaus für „angemessen“. Das Buch hat alles, was ich an SF so liebe und schätze.

Zu den literarischen Vorbildern Petersons, so sagt uns die Info zu dem Autor im Buch, gehört unter anderem Stephen Baxter – und das merkt man auch. Wer das Buch Titan von Baxter kennt, wird bei der Lektüre des vorliegenden Bandes ein kleines Aha Erlebnis haben. Die Grundvoraussetzungen in beiden Büchern sind die gleichen: Eine Katastrophe im All (ISS / Absturz eines Space Shuttles), eine unglaubliche Entdeckung (Rand des Planetensystems / Titan), eine Zuspitzung des Konflikts zwischen Amerika und China und eine NASA, die am Boden liegt. Ich behaupte einfach mal, dass Peterson hier die Anleihen für sein Buch gesucht und auch gefunden hat. Die Parallelen sind einfach zu deutlich, der Stil zu ähnlich. Allerdings ist das nicht negativ gemeint, das Ergebnis jedenfalls unterscheidet sich von Baxters Werk und spricht für sich.

Peterson hat ein wunderbares Buch geschrieben und erweist sich als Experte für alles war irgendwie mit Raumfahrt und –technik zu tun hat. Detailliert schildert er den Aufbau und die Funktion des Raumschiffs, kombiniert gekonnt Fiktion mit Realität und das alles noch im typischen NASA Jargon, wie man ihn aus Filmen wie Apollo 13 oder Büchern wie Die Helden der Nation von Tom Wolfe kennt. Der Grat zwischen Technikverliebtheit und einfacher Information ist schmal, wirkt aber nicht so krass wie etwa bei Andy Weirs Der Marsianer. Man muss kein Wissenschaftler oder Ingenieur sein um Petersons Buch zu verstehen. Seine Informationen sind lehrreich, ab und an jedoch auch etwas zu ausufernd.

Die beiden Hauptcharaktere Ed und David sind relativ oberflächlich gezeichnet. Viel über ihr vergangenes Leben erfährt man nicht, aber das ist auch nicht so wichtig. Sie sind dennoch glaubhaft und sympathisch – jeder auf seine Art. Der bärbeißige Praktiker Ed, der seinen Mund nicht halten kann und jeden gegen sich aufbringt, und der stille Theoretiker David, der gegen seine Angst nun in den Weltraum zu fliegen ankämpfen muss. Auch die immer wieder aufbrechenden Differenzen innerhalb der vierköpfigen Besatzung wirken glaubhaft. Das Team ist ein zusammengewürfelter Haufen, aus der Not geboren und aus politischen und finanziellen Zugeständnissen heraus zusammengestellt, jeder mit eigenen Interessen und zudem für die nächsten 12 Monate (Hin- und Rückflug) in einem kleinen Raumschiff auf engstem Raum zusammengepfercht und einer ungewissen Aufgabe entgegensehend. Da kommt nicht immer Freude auf.

Auch der desolate Zustand der NASA, wie auch in vielen neueren Büchern schon thematisch verarbeitet, ist ein wichtiger Punkt. Durch das CENTAURI Unternehmen hat man quasi das Alleinstellungsmerkmal (Menschen in den Weltraum zu befördern) endgültig verloren. Neue Programme sind teuer und daher in Regierungskreisen nicht gerne gesehen, die Politik schiebt ihnen konsequent einen Riegel vor. Nicht verwunderlich also, dass man das neue Unternehmen nur mit Hilfe eines potenten Geldgebers durchführen kann – und damit auch Zugeständnisse machen muss. Aus diesen Zugeständnissen ergeben sich dann folgerichtig die nächsten Probleme. Ein ewiges hin und her und interessant von Peterson beschrieben.

Da sich das Buch mitunter schon mal wie eine Dokumentation über Astronautentraining und Weltraumflüge liest, ist der Spannungsbogen zwar nicht immer gleich hoch, das Buch dadurch jedoch nicht unbedingt langweilig. Dem detailverliebten Peterson gelingt es immer wieder in diesen Science-Phasen, mich als Leser bei Laune zu halten. Die eigentliche Fiktion tritt erst am Ende des Buches auf und kommt daher leider auch etwas zu kurz. Die Entdeckung was es mit der unsichtbaren Barriere auf sich hat ist zwar durchaus atemberaubend und eine wirklich gelungene (bittere) "Pointe", aber auch nicht so ganz neu. Ähnliches haben bereits andere Autoren schon geschrieben.

Der Schreibstil von Peterson hat mir gut gefallen. Für Actionfans ist er zwar nicht unbedingt zu empfehlen, aber für technikbegeisterte Leser, die ein gutes Near-Future-Szenario zu schätzen wissen, goldrichtig. Das Buch ist flüssig zu lesen und selbst in den etwas zähen Phasen noch sehr unterhaltsam. Die Technik wirkt glaubhaft, steht aber etwas zu sehr im Mittelpunkt. Keine Ahnung was Peterson für die nächsten Jahre im Schreibbereich noch so geplant hat, wenn es jedoch in Richtung seiner beiden bisher erschienenen Bücher geht, wäre das sehr zu begrüßen. Einen Verlag zu finden der seine Werke veröffentlich, dürfte aber nun kein Problem mehr sein. Für Paradox kann ich auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung aussprechen.
 
 
 


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