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Orson Scott Card

Enders Schatten

  • Autor:Orson Scott Card
  • Titel: Enders Schatten
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:12 August 2013
  • Preis:8,99 EUR

 
»Enders Schatten« von Orson Scott Card


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4)

 
 
Fast 15 Jahre nach seinem preisgekrönten Buch Enders Spiel, taucht Orson Scott Card noch einmal in die Welt des Andrew Wiggin, kurz Ender genannt, ein. Wieder stehen die Erlebnisse auf der Ausbildungsraumstation und der Kampf gegen die insektoiden Außerirdischen im Mittelpunkt der Ereignisse. Erzählt wird die Geschichte nun aus der Sicht des jungen Bean, dem wohl kleinsten und jüngsten Mitglied der Kampfschule. Bis Bean jedoch zum ersten Mal seinen Fuß in die Raumfähre setzt, die ihn in die Umlaufbahn der Erde bringen soll, vergehen rund 100 Seiten, in denen Card ausschweifend den Lebensweg des Jungen erzählt. Schnell erfährt man, dass Bean kein leichtes Leben hat. Eltern- und Mittellos muss er sich bereits als Zweijähriger auf der Straße behaupten. Wäre er nicht mit einer geradezu überragenden Intelligenz ausgestattet, hätte er die ersten Jahre nicht überlebt. Mehr durch Zufall gerät er an Schwester Carlotta, die seine Intelligenz und Fähigkeiten erkennt und fördert. Colonel Graff, dem Leiter der Kampfschule, empfiehlt sie Bean als Probanden. So gelangt Bean an Bord der Kampfschule, in der er schlussendlich Ender kennen lernt und ihm bei dem Kampf gegen die außerirdischen Schaben (Krabbler) zur Seite steht.

Kann die Nacherzählung ein und derselben Geschichte, auch wenn der Fokus diesmal auf einem anderen Protagonisten liegt, den Leser ein zweites Mal fesseln? Meine Antwort darauf ist ein, zugegebenermaßen schwammiges, Jein.

Ich kann nicht erkennen, warum Card eine Person kreieren musste, die noch intelligenter und gerissener als Ender sein soll. Die graue Eminenz, die Ender aus dem Hintergrund steuert, ist nicht, wie man nach Enders Spiel vielleicht vermuten konnte, Colonel Graff, sondern schlichtweg Bean. Er entpuppt sich in der Tat als Enders Schatten. Durch die Ereignisse die Card im vorliegenden Buch schildert, nimmt er Ender etwas von seinem Mythos und dem Nimbus der Unbesiegbarkeit, die er sich ohne Beans Hilfe, so stellt es sich nun dar, gar nicht erst erworben hätte.

Hatten mich damals schon Enders Fähigkeiten, er war sechs Jahre alt, in Erstaunen versetzt, so kann ich bei Bean nur gelinde gesagt den Kopf schütteln. Auch wenn seine wahre Herkunft, die Bean selber nicht kennt, im Laufe des Buches aufgedeckt wird, liefert diese für mich dennoch keine schlüssige Erklärung für die geradezu überragenden analytischen und psychologischen Fähigkeiten des Jungen. Einfach nur zu sagen das er ein Genie ist, ist für mich zu einfach. Bei Ender konnte ich über so etwas noch hinwegsehen, hier jedoch wirkt es mit der gleichen Begründung zu unglaubwürdig.

Der Einstieg in das Buch, sprich Beans Erlebnisse in den Straßen von Rotterdamm, sind zwar durchaus interessant, aber auch etwas zäh. Hier zeigt sich mir zum ersten Mal, dass ich mit der analysierenden Art Beans, mit der er jeder Situation und jedem Gegenüber begegnet, nicht so wirklich klar komme. Er verhält sich einfach nicht so, wie sich ein Kind in seinem Alter verhalten sollte. Alles was passiert, wird eingehend untersucht, abgewogen und beurteilt. Selbst Sigmund Freud hätte hier seinen Meister gefunden. Das liest sich auf die Dauer etwas öde und nervig. Interessanter, aber nur unwesentlich, sind die Nachforschungen die Schwester Carlotta über Beans eigentliche Herkunft anstellt. Hier findet sich dann auch gleich der Grund für Beans Genie und gleichzeitig auch die Grundlage für sein späteres persönliches Happy End.

Die Erlebnisse an Bord der Kampfschule sind größtenteils bereits aus Enders Spiel bekannt. Card liefert hier allerdings noch einige weiterreichende Erklärungen was den Kampf mit den Schaben (Krabblern) angeht. Das kommt der Geschichte sehr entgegen. Auch die sich anbahnenden Ereignisse auf der Erde nach dem Krieg gegen die Krabbler werden kurz thematisiert. Leider etwas zu kurz, dann hier ergibt sich ebenfalls eine interessante Situation. Da die Erde nicht wirklich vereint, sondern lediglich in einer Art Schicksalsgemeinschaft miteinander verbunden ist, beginnt nach dem Wegfall der außeridischen Bedrohung bereits wieder der Kampf der Supermächte um die Vormachtstellung auf der Erde. So wird aus jedem Absolventen der Kampfschule, abhängig von dem Land aus dem er kommt, ein möglicher neuer Gegner.

Der Schreibstil von Card ist sehr gefällig. Da alles aus der Sicht eines Kindes beschrieben wird, ist die Geschichte wieder leicht zu lesen und kommt recht unkompliziert daher, wobei mir persönlich jedoch etwas der Schwung und die Leichtigkeit aus Enders Spiel, das Buch hatte für meinen Geschmack quasi keine Längen, gefehlt haben. Ein wenig fließen dabei auch Cards politische und religiöse Einstellungen in das Buch ein, was jedoch akzeptabel ist, da er hier keine extremen Einstellungen vertritt (was ihm jedoch im richtigen Leben oftmals vorgeworfen wird).

Mit Bean hat er einen durchaus liebenswerten Charakter kreiert, der mich jedoch, wie schon geschrieben, aufgrund seiner Art oftmals genervt hat. Ein Stück weit leidet er unter Minderwertigkeitskomplexen, was seinem Kleinwuchs zuzuschreiben ist, welche er jedoch mit einem Mehr an Wissen auszugleichen versucht. Bean ist ein Kontrollfreak, der nur schwer damit klar kommt, eine Situation nicht unter Kontrolle zu haben. Er verhält sich für ein Kind seines Alters extrem untypisch, was aber mit seiner Genialität und seiner Herkunft, er ist quasi das Ergebnis eines illegalen Experiments, begründet wird.

Enders Schatten (OT: Ender’s Shadow) ist nicht nur als Ergänzung von Enders Spiel als gelungen anzusehen, sondern kann auch für sich allein gelesen werden. Allerdings dürfte die Lesefreude, wenn man den „Vorgängerband“ schon kennt, um einiges größer sein. Die eigentliche Unfassbarkeit der Geschichte, der Missbrauch Enders als Vernichter einer ganzen Rasse, kommt in diesem Buch allerdings nicht so sehr zur Geltung. Während Ender noch von einem Augenblick auf den anderen mit dem Ergebnis seiner Handlung konfrontiert wurde, beginnt sich bei Bean bereits sehr viel früher die Erkenntnis durchzusetzen, um was es sich bei der Abschlussprüfung tatsächlich handelt.

Genau wie Enders Spiel ist auch Enders Schatten sehr zu empfehlen.
 
 
 


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