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James Tiptree Jr.

Houston, Houston!: Sämtliche Erzählungen 3


 
»Houston, Houston!: Sämtliche Erzählungen 3« von James Tiptree Jr.


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4)

 
 
Nach Quintana Roo und Zu einem Preis veröffentlicht der Septime Verlag aus Wien mit Houston, Houston! bereits den dritten Band mit Kurzgeschichten und Novellen von Alice B. Sheldon, wohl eher bekannt unter dem Namen James Tiptree jr. Neben acht, bereits schon einmal in Deutschland veröffentlichten Geschichten, befinden sich auch zwei neue Storys im vorliegenden Buch. Höhepunkt dürfte jedoch ohne Zweifel der mit gleich drei Preisen ausgezeichnete Kurzroman Houston, Houston, bitte kommen! (Original Houston, Houston, do you read?) sein. Für diese Geschichte wurde Alice Sheldon 1976 mit dem Nebula Award und 1977 jeweils mit dem Hugo und dem Jupiter Award ausgezeichnet. Erzählt wird die Geschichte von drei männlichen Astronauten die sich, nach einem durch eine Sonneneruption herbeigeführten Zeitsprung während ihres Raumfluges, 300 Jahre in der Zukunft wiederfinden. Entsetzt müssen sie von ihren Retterinnen erfahren, dass in den vergangenen Jahren die männliche Erdbevölkerung durch eine Epidemie nicht nur unfruchtbar geworden, sondern vielmehr gänzlich ausgestorben ist. Somit handelt es sich bei den letzten noch existierenden Menschen ausschließlich um geklonte Frauen. Frauen, die gelernt haben auch ohne Männer zurechtzukommen.

Im Gegensatz zu diesem wirklich hervorragenden Kurzroman bietet der Band aber leider auch etwas weniger gute und eher oberflächliche Geschichten. Die Einleitung ist mit den zwei bisher noch nicht in Deutschland veröffentlichten Storys Es liegt nicht an ihrem Gerät und Drücken bis das Blut kommt, daher auch relativ belanglos. Die erste Story wird durchaus das ein oder andere Schmunzeln hervorrufen, die zweite Storys gehört jedoch zu jenen, die einen zwar nachdenklich stimmen können, aber irgendwie auch nicht mehr als eine oberflächliche Anekdote sind. Der Kampf Mensch gegen Natur fängt zwar geradezu märchenhaft an, kann für mich aber die in ihn gesetzte Erwartung letztendlich nicht erfüllen, der Ausgang ist einfach nur ernüchternd.

Auch die zwei folgenden Geschichten sind für mich eher von schwierigerer Natur. Sie sind nicht schlecht, das gleich vorneweg, aber so richtig vom Hocker reißen können sie mich auch nicht. Das bestätigt meine Ansicht, dass Alice Sheldon beileibe keine Schriftstellerin ist, die man „mal ebenso“ lesen kann. Oftmals sind ihre Geschichten verworren und ihre Aussagen absolut zweideutig oder gar nicht erst erkennbar. So vermute ich einfach mal, dass es sich bei Ihr Rauch steigt auf in Ewigkeit um ein Nahtoderlebnis ihres Protagonisten Petey handelt, während dieser am ertrinken oder am erfrieren ist (ich lasse mich aber auch gerne eines Besseren belehren). Schlangengleich erneuert die Erde sich ist dagegen eine ziemlich abgefahrene Story mit dem bei Alice Sheldon so beliebten Thema Beziehungen. Allerdings ist es keine gewöhnliche zwischenmenschliche Beziehung die hier abgehandelt wird, denn der Angebetete von P. (den vollen Namen der Protagonistin erfahren wir leider nicht) ist kein geringerer als der Planet Erde. Was irgendwie als Farce oder schlichtweg als Einfältigkeit der P. beginnt, entpuppt sich gegen Ende hin als eine Art kosmisches Ereignis mit Aha-Effekt.

Ein flüchtiges Seinsgefühl, mit rund 150 Seiten auch gleichzeitig die längste Geschichte, ist für mich der erste wirkliche Höhepunkt im Buch. Hier zeigt Alice Sheldon, zu welch phantastischen, fesselnden und ungemein guten Geschichten sie zu schreiben imstande ist. Eine atmosphärisch unheimlich dichte Geschichte, bei der man als Leser das Grauen, das im Hintergrund lauert, erahnt. Das Raumschiff Centaur ist auf der Suche nach lebensfreundlichen Planeten, auf die sich die unter Überbevölkerung leidende Menschheit ausbreiten kann. Nun glaubt man diesen Planeten gefunden zu haben. Von der Erkundungsmannschaft kehrt jedoch nur eine Person zur Centaur zurück, der Rest ist auf dem Planeten geblieben und hat sich angeblich bereits häuslich eingerichtet. Dr. Kaye, die Rückkehrerin, weiß nur positives zu berichten und hat praktischerweise gleich ein Exemplar der auf dem Planeten lebenden Spezies an Bord ihres, erst einmal unter Quarantäne gestellten Beibootes, mitgebracht. Kurze Zeit später fällt ein Besatzungsmitglied nach einem Kontakt mit dem Außerirdischen in eine Art Koma, viele Menschen an Bord der Centaur beginnen zudem unter Halluzinationen zu leiden. Das daraufhin folgende Verhör von Dr. Kaye gibt unterschwellig Grund zur Annahme, dass irgendetwas nicht so ist wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Auch aus psychologischer Sicht ist die vorliegende Story eine hervorragende Fallstudie über menschliches Verhalten. Ein für Alice Sheldon vertrautes Terrain, das sie meisterlich beherrscht und in dem sie hier wirklich zur Hochform aufläuft.

Der Psychologe, der Ratten keine schrecklichen Dinge antun wollte liest sich ebenfalls wie eine psychologische Studie. Hier mutiert ein Wissenschaftler, der sich bei Tierversuchen sehr zurückhält, nach dem Genuss von Alkohol zu seinem genauen Gegenteil. Eine teilweise verstörende Geschichte, nicht aufgrund der Metamorphose des Wissenschaftlers, sondern vielmehr durch die Schilderung der Experimente welche die Tiere über sich ergehen lassen müssen. In Bibertränen hingegen sind die Rollen vertauscht. Hier darf der namenlose Protagonist, nachdem er und eine Nachbarsfamilie von Außerirdischen entführt wurden, am eigenen Leib erfahren wie es ist, als Versuchskaninchen herzuhalten. Ein netter Kontrast zu der vorhergegangenen Geschichte.

Wesentlich tragischer geht es in Eure Gesichter, o meine Schwestern! Eure Gesichter voller Licht zu. Gleichzeitig auch ein wunderbares Beispiel dafür, dass Alice Sheldon nicht nur raffinierte Geschichten zu schreiben weiß, sondern auch bei der Auswahl ihrer Titel sehr ungewöhnliche Namen wählt. Die namenlose Protagonistin lebt zwar in unserer realen Welt, nimmt diese jedoch, durch Medikamente und Elektroschocks hervorgerufen, als Traumwelt postapokalyptischen Ausmaßes wahr. Sie bezeichnet sich selbst als Botin auf dem Weg nach Des Moines und ist völlig weggetreten, einen Schritt neben der Realität und am Rande des Wahnsinns. Sheldon zeigt die Welt dabei einmal aus der Perspektive der namenlosen Protagonistin und gleichzeitig aus der Sicht der Menschen (Schwestern) denen sie auf ihrem Weg begegnet. Sehr gelungen und sehr tragisch. Auch die letzte Geschichte Sie wartet auf alle Geborenen zeigt wie nahe Leben und Tod, in Gestalt des kleinen Mädchens Snow, beieinander liegen. Abgerundet werden die zehn Erzählungen durch Andreas Eschbachs Nachwort Wanderungen entlang der Grenze des Wahnsinns. Kurz und knapp, aber sehr treffend, gibt er seine Eindrücke rund um Alice Sheldon und ihre Geschichten wieder.

Man kann über die im Buch enthaltenen Storys streiten, ebenso über die mitunter sehr provozierende und schonungslose Schreibweise. Nicht alle Geschichten sind gut, viele bleiben unverständlich und kommen über das Urteil "nett" nicht wesentlich hinaus. Aber selbst diesen Geschichten kann man die Qualität nicht absprechen. Eines haben sie aber fast alle gemeinsam – die Schilderung von Gewalt und Sexualität. Für mich sind es die Kernthemen die Alice Sheldons Geschichten auszeichnen. Oftmals so kompakt und in einem Ausmaß, dass ich es einfach nicht schaffe, mehr als zwei oder drei Geschichten hintereinander zu lesen. Das Gefühl im Strudel ihrer Perversität und ihres persönlichen Wahnsinns unterzugehen ist mir einfach zu hoch. Viele der Geschichten sind für mich daher „krank“ und oftmals frage ich mich, was diese Frau durchlebt haben muss um so etwas zu schreiben. Andere Leser mögen das anders sehen, aber, genau wie Andreas Eschbach in seinem Nachwort, mag auch ich aus meiner persönlichen Empfindung kein Geheimnis machen.

Fazit:
Ich halte Alice Sheldon für eine außergewöhnliche Autorin, provozierend und teilweise geradezu zwanghaft. Das Ende ihres Lebens, gestorben durch eigene Gewalt, passt zu ihren Geschichten. Auch im vorliegenden Buch gibt es Licht und Schatten, aber, allen Einwänden zum Trotz, sind die Geschichten dennoch lesenswert. Im Gedächtnis werden wohl nicht viele der zehn haften bleiben. Aber die, die es dennoch schaffen, sind durchwegs hervorragend. Daher kann ich das Buch jedem empfehlen.
 
 
 
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    2015-02-01
    Die ersten drei Geschichten habe ich nun auch gelesen und kann ehrlich gesagt noch nicht so viel damit anfangen. Bei der dritten klingt es für mich so, dass Petey beim Sturz in den eiskalten See im Angesicht des Todes sich an Episoden aus seinem Leben erinnert; andererseits wird ja am Schluss auch behauptet, dass er erst 14 Jahre alt wäre, so dass er dies nicht alles erlebt haben kann. In der Geschichte ist aber auch davon die Rede, dass man viele Leben leben muss und nicht sterben darf, insofern könnte er es in einem früheren Leben erlebt haben. Ich hoffe nun, dass die weiteren Erzählungen mir besser gefallen werden. Beim Band "Zu einem Preis" scheint mir aber die Ausbeute an guten Geschichten höher zu sein, so dass Interessierte damit begonnen sollten.


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