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Bachmann, Tobias

Kaleidoskop der Seele

  • Autor:Bachmann, Tobias
  • Titel: Kaleidoskop der Seele
  • Serie:
  • Genre:Horror
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:QWERTZ
  • Datum:00 -
  • Preis:12.69 EUR

 
»Kaleidoskop der Seele« von Bachmann, Tobias


Besprochen von:
 
Markus M. Korb
Deine Wertung:
(4)

 
 
Ein hoffnungsvoller Jungautor betritt die Szene und versetzt Fangemeinde und Kritiker mit revolutionären Kurzgeschichten in Verzückung. So geschehen bei Thomas Ligotti und Ramsey Campell. Auch die „Bücher des Blutes“ von Clive Barker sind eine Sammlung von novellenartigen Erzählungen, deren Reiz aus dem radikalen Bruch mit den ungeschriebenen Erfolgsrezepten à la Stephen King und Co ist. Auch der Klappentext von Tobias Bachmanns Anthologie „Kaleidoskop der Seele“ spricht vollmundig von einem der „vielversprechendsten Nachwuchsautoren anspruchsvoller Horrorgeschichten im deutschen Sprachraum“. Doch - können die Geschichten halten, was die Ankündigung verspricht?

Um die Spannung gleich zu Beginn zu zerstören: ja - sie können es.
Zwar kommt nicht jede Geschichte einer Revolution des Genres gleich, doch wäre das auch zu viel erwartet. Aber immerhin sind die Erzählungen sorgfältig konstruiert und bauen geschickt Atmosphäre und Spannung auf. Und das ist weit mehr, als im Gegensatz so mancher Phantastik Roman bieten kann. Auch hier erweist sich die Kurzgeschichte als eigentlich ausdrucksstärkste Form der unheimlichen Phantastik. An diesem Fakt ist kaum zu rütteln - nur selten kann ein unheimlicher Roman über die Länge der Handlung hinweg sein Versprechen einlösen und eine Atmosphäre des Grauens aufrechterhalten. Die überwiegende Anzahl von Tobias Bachmanns Kurzgeschichten jedoch kann es!

Jede der Stories wird durch ein kurzes Vorwort des Autoren eingeleitet. Hier beschreibt Tobias Bachmann die Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke und lässt dabei selbst biographische Aspekte nicht aus. Es gelingt ihm dabei, stets den Leser in seine Überlegungen miteinzubeziehen.

Gleich die erste Erzählung „Krötus“ entführt den Leser in die Bergwelt der Alpen. Ein einsamer Wanderer erliegt den Verlockungen einer Frau, die von einer bösartigen Kreatur gefangen gehalten wird. Doch am Ende ist nicht alles so, wie es anfangs schien.
„Höhlenmalerei“ nähert sich dem lovecraftschen Thema der in den Tiefen der Erde verborgenen Kultur an, wobei die Betonung jedoch weniger auf einer kosmischen Bedrohung der Menschheit sondern eher auf die tatsächliche Bedrohung des Einzelnen liegt. Häufig verwendet Bachmann die typische Erzähltechnik von Lovecraft, die Geschichte im Rückblick zu schildern. Dabei gelingt ihm bei „Der Tod, der aus Stonehenge kam“ ein interessanter Effekt, indem ein Altenheiminsasse die Ereignisse mittels fiktiven Tagebucheinträgen schildert und am Ende der Bericht einer Pflegerin des Alten beigefügt wird. Zwar gelingt Bachmann diese Technik recht gut, doch erscheinen manche Äußerungen in der Rückschau unrealistisch - man bedenke, dass sich der Mann über einen gewaltigen Zeitraum zurückerinnert. Das Ende ist für den Alten tragisch, doch wünscht man sich weitere Hinweise auf den Charakter der Stonehenge Monolithen, welche die Bedrohung stärker auf die Menschheit als Ganzes beziehen würde.

Auch der Einfluss eines anderen phantastischen Autoren ist bei Tobias Bachmann spürbar - Franz Kafka. Besonders die kurzen Erzählungen aus „Kaleidoskop der Seele“ haben kafkaesken Charakter und beziehen daraus ihren Reiz. „Der warme Schal“ ist die eindringliche Schilderung des Endes einer Mutter-Tochter Beziehung, während „Das Erwachen“ an Kafkas „Der Gruftwächter“ erinnert. Doch Bachmanns Text stellt hierbei im Gegensatz zu Kafka keine Parabel dar - bei Bachmann haben die Erscheinungen stets einen „realen“ Bezug. Manches Sprachbild bleibt dabei im Gedächtnis haften - ein Zeichen für Bachmanns ausgeprägtes Sprachgefühl. Stets ist sein Stil gehoben und verlangt dem Leser Bemühen ab - im positiven Sinn. Die herausragendste Story ist jedoch „Der eigenartige Abend mit Herrn Bojewski“, die mit ihrem lovcraftschen Ende an „Das Ding auf der Schwelle“ erinnert. Doch damit hören die Vergleiche schon auf. Eine atmosphärisch dichte Geschichte mit einer überraschenden Pointe am Ende, die aber schon am Beginn des Textes angedeutet wird. Die Konzeption ist daher nahezu perfekt, alle Ereignisse streben auf diesen Schlusseffekt zu - E.A. Poe wäre zufrieden.

"Kaleidoskop der Seele“ sei jedem wärmstens ans Herz gelegt, der sich mit neuer deutscher Phantastik beschäftigt. Es bildet einen literarisch kraftvollen Gegenpol zu all den angloamerikanischen Romanen und Romanserien, welche literarisch und zum Teil sogar handwerklich äußerst dünn verfasst sind und gerade mit erschreckender Leichtigkeit in der deutschen Kleinverlagsszene Fuß fassen.

Futter für Hirn und Bauch - hier ist es!

Meine Wertung: 8 von 10 Sternen
 


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