•  
    Leseliste
  •  
    Vogemerkt
  •  
    Rezension
  •  
    Gelesen
  •  
    Neu

Andreas Brandhorst

Kinder der Ewigkeit

  • Autor:Andreas Brandhorst
  • Titel: Kinder der Ewigkeit
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Paperback
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:01 März 2010
  • Preis:EUR 15,00 EUR

 
»Kinder der Ewigkeit« von Andreas Brandhorst


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Der ehemalige Auftragsmörder Esebian, der seine Vergangenheit eigentlich hinter sich lassen und sich der Wissenschaft zuwenden wollte, bekommt von dem mysteriösen Tirrhel einen Auftrag. Er soll den Unsterblichen El’Kalentar ermorden. Normalerweise würde Esebian ablehnen, aber als Preis wird ihm die Unsterblichkeit angeboten, also sagt er zu. Auf dem Weg nach Haddad, dem Ort an dem das Attentat geschehen soll, macht er die Bekanntschaft der jungen Leandra, einer mental begabten Frau. Die beiden kommen sich näher und reisen fortan zusammen.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt geschehen im vom Menschen besiedelten Universum äußert besorgniserregende Dinge. Immer mehr Transittunnel des Filigrannetzes, ein galaxienumspannendes Teleportationssystem welches das Reisen mit Raumschiffen quasi überflüssig macht, fallen aus und Angreifer aus anderen Epochen versuchen in unser Universum einzudringen. El’Kalentar und Akir Tahlon, der oberste Präfekt der Hohen Welten und Erster Hochkommissar des Direktoriats, wollen diese Fälle untersuchen.

Nachdem Esebian seinem Auftrag nachgekommen ist und El’Kalentar getötet hat muss er feststellen das Tirrhel ihm seinen Lohn nicht nur vorenthalten, sondern ihn als unliebsamen Mitwisser loswerden und töten will. Verfolgt von Akir Tahlon, der den Auftrag bekommen hat den Mörder El’Kalentars zu finden, macht sich Esebian auf die Suche nach Tirrhel und kommt dabei einer unglaublichen Verschwörung in den Reihen der Unsterblichen auf die Spur.

---

Andreas Brandhorst hat hier mal wieder ein faszinierendes Universum entworfen, mit vielen unglaublichen Rassen und einer verzwickten, aber nichts desto trotz, sehr lesenswerten Geschichte. Mir persönlich hat dieses Buch um Längen besser gefallen als sein Nachfolgeband Das Artefakt (der aber mit diesem Buch nichts zu tun hat). Genau wie der Leser erfährt der Hauptcharakter des Buches, Esebian, das nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Gegen Ende des Buches nimmt die Geschichte einen Verlauf, bei dem man das, was man vorher gelesen hat, in Frage stellen muss. Wie einst Golan Trevize in dem Buch von Issac Asimov Die Rückkehr zur Erde muss Esebian eine Wahl treffen die über die Zukunft der gesamten Menschheit entscheidet.

Es könnte eine heile und erstrebenswerte Zukunft sein die Brandhorst seinem Leser bietet - für die einen eine Utopie, für die anderen eine Dystopie. Die Menschen besitzen die Unsterblichkeit. Das Problem jedoch ist nur, dass diese Unsterblichkeit zum einen nicht umsonst und zum anderen nicht für alle ist. Man muss, um sie zu erlangen, körperliche Behandlungen durchführen lassen die mit sogenannten Meriten bezahlt werden. Meriten kann man sich dadurch erwerben, dass man Aufgaben übernimmt oder außergewöhnliche Leistungen erbringt die der Allgemeinheit zu Gute kommen. Am Schluss der 9.ten Behandlung steht dann die relative Unsterblichkeit. Wer die Meriten jedoch nicht in einem bestimmen Zeitraum zusammenbringt und die nachfolgende Behandlung verpasst, wird zum Grauen. Eine Art Zombie, zu tot für die Unsterblichkeit, zu lebendig für den Tod.

Aber, man muss auch im richtigen Winkel des Universums geboren sein. Die Menschen, die in den gemischten Gebieten leben, haben eine Art Makel und sind somit von der Unsterblichkeit ausgeschlossen. Es gibt aber teure Möglichkeiten diesen Makel zu entfernen und dennoch den Aufstieg zu einem Unsterblichen zu wagen. Esebian ist jemand der aus diesem Gebiet kommt, den Makel hat entfernen lassen und nun die Stufe zur Unsterblichkeit erklimmt. Die Meriten dazu hat er durch seine Auftragsmorde erworben. Sollte es ihm jemals gelingen ein Unsterblicher zu werden, so hat er dann das Privileg auf den Hohen Welten zu leben. Welten, die zur Heimat der Unsterblichen geworden sind. Aber selbst jene Unsterblichen müssen sich den Magistern unterordnen. Riesige, uralte und intelligente Maschinen die über die Einhaltung der Regeln wachen und die sich über die Transfertunnel fortbewegen und kommunizieren. Ein, wie sich herausstellen wird, sehr zerbrechliches Gleichgewicht der Macht. Der allerdings faszinierendste Aspekt der ganzen Geschichte sind die Weber. Außerirdische spinnenartige Lebensformen, die quasi ein Loch ins Universum fressen und somit erst die Transfertunnel erschaffen.

Die beiden großen Gegenspieler der Geschichte sind Esebian und Akir Thalon. Obwohl ersterer ein mehrfacher Mörder ist, kommt er dennoch nicht unsympathisch rüber. Er hat etwas schlimmes erlebt das ihm letztendlich den Anstoß zu seinen Taten gab. Nachdem er erkannt hat das dies nicht der Weg zur Unsterblichkeit sein kann, wendet er sich der Wissenschaft zu. In ihm leben seine früheren Identitäten die er einst angenommen hat um seine Aufträge auszuführen zu können und die nun, jeweils in den passenden Augenblicken in den Vordergrund treten und den Körper übernehmen können. Genau genommen leidet er an einer dissoziativen Identitätsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung. Tahlon selbst ist ein ungemein aufrichtiger und gerechtigkeitsliebender Charakter der schon fast zur Selbstgeißelung neigt. Er verzichtet auf die ihm angebotene Unsterblichkeit, da er den Preis dafür nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Er müsste einfach nur "Fünfe gerade sein lassen" und seine Augen vor der Verschwörung der Unsterblichen verschließen. Dazu ist er aber nicht bereit. Tahlon sieht in Esebian einen von grundauf schlechten Menschen, den Bodensatz der Gesellschaft. Beide Charaktere werden sehr lebendig und nachvollziehbar geschildert.

Auf seine anscheinenden Lieblingsthemen hat Brandhorst auch nicht verzichtet. Wie in seinem Nachfolgeband ist auch in diesem Buch sowohl eine Copy des Bewusstseins, wie auch eine Rekonstruktion des Körpers möglich. So kann aus Protomaterie ein neuer Körper, der mit dem alten identisch ist, erschaffen werden. Lädt man dann noch sein Bewusstsein in diesen Körper zurück, hat man eine 1:1 Kopie von sich selbst erschaffen. Wo ist da noch der Unterschied zur Unsterblichkeit? Ich wage mal zu behaupten, dass diese Art der Unsterblichkeit sogar die bessere ist, denn man kann seinen Körper weiterhin jederzeit modifizieren lassen und ist nach wie vor noch zeugungsfähig. Beides Punkte, die für die Unsterblichen wie etwa El’Kalentar nicht mehr zutreffen.

Was bleibt ist die Frage, ob der Wunsch nach Unsterblichkeit wirklich sinnvoll ist. Ewig zu leben klingt erst mal ganz gut. Wenn man jedoch sieht welchen Preis es erfordert wird man nachdenklich. Menschen die einem lieb und teuer sind beim altern und sterben zuzuschauen, während man selbst ewig lebt, ist nicht jedermanns Sache. Die Clique des Direktoriats, also die führenden Unsterblichen, werden eher als arrogante Leute hingestellt, die sich selbst nicht nach dem richten was für andere gilt und die auf die Sterblichen und die vom Makel behafteten Menschen herunterschauen.

Die Schreibweise von Brandhorst ist recht angenehm zu lesen. Manchmal muss man einige seiner wissenschaftlichen Ausführungen einfach so hinnehmen wie sie kommen und sich keine weiteren Gedanken darüber machen. Da gerät er einfach zu sehr ins fachsimpeln, dem man als Laie dann nicht mehr folgen kann. Die Fäden der Geschichte werden gegen Ende hin miteinander verwoben und aufgelöst. Auch die Frage die mich bis kurz vor Schluss geradezu verfolgt hat -Welchen Sinn hatte das Attentat auf El'Kalentar überhaupt- wird zur Zufriedenheit beantwortet.

Fazit:
Eine wirklich facettenreiche und schillernde Geschichte die Brandhorst zu Papier gebracht hat. Zu empfehlen für jeden der keine einfach gestrickten Geschichten lesen möchte, sondern über verschlungene Pfade zum Ziel gelangen will. Unterirdische Labyrinthe die temporalen Verwerfungen unterliegen, Maschinenwesen die Teleportationsportale beherrschen - wer die Hyperion Bücher von Dan Simmons mochte, dem wird auch dieses Buch gefallen. Da Brandhorst das Rätsel um die Incera nicht vollständig aufgelöst hat, gibt es immer noch eine Hintertür durch die er das Universum von Tahlon und Esebian ein weiteres Mal betreten kann. Und das käme mir durchaus recht.
 
 
 


Mehr Rezensionen von D. Vallenton