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Andreas Brandhorst

Das Artefakt

  • Autor:Andreas Brandhorst
  • Titel: Das Artefakt
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:09 Januar 2012
  • Preis:14,99 EUR

 
»Das Artefakt« von Andreas Brandhorst


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(3.5)

 
 
Irgendwann fand das „Ereignis“ statt. Eine kosmische Katastrophe, von den Menschen herbeigeführt, die über 200 Welten, darunter auch die Erde, vernichtete, verwüstete oder in die Barbarei katapultierte. Nur 13 Systeme wurden verschont und konnten sich ihr Entwicklungsniveau bewahren. Aus ihnen bildete sich die Ägide. Eine Vereinigung, die helfen soll die „gefallenen Welten“ wieder auf den Stand der Technik und der Zivilisation zu bringen, den sie vor dem Ereignis innehatten.

Es ist aber nicht nur ein altruistisches Motiv das ihr Handeln bestimmt, sondern vielmehr reiner Selbstzweck. Denn in unserem Universum gibt es die „Hohen Mächte“, ein Zusammenschluß von hochentwickelten außerirdischen Völkern, die über Jahrtausende Wissen gesammelt und es in der Kosmischen Enzyklopädie vereint haben. Diese Mächte bieten der Ägide an, diese in ihre Reihen aufzunehmen und an der Enzyklopädie teilhaben zu lassen, sollte es der Ägide gelingen, 600 Jahre lang Frieden zu halten und die gefallen Welten bei dem Neuaufbau zu unterstützen. Ein Hort der Diplomatie und des Friedens soll dabei der Planet Heraklon sein. Missionare der Ägide, unter ihnen Rahil Tennerit, reisen von Planet zu Planet um die Beschlüsse der Ägide kundzutun und durchzusetzen.

Kurz vor Ablauf der 600 Jahresfrist jedoch entdeckt man auf Heraklon ein Artefakt, aus der Zukunft geschickt. Ein Wettlauf der Völker entbrennt, denn jeder erhofft sich eine wahrhafte Machtfülle für den, der es in seinen Besitz bringen kann. Die Ägide entsendet Rahil Tennerit um die Situation unter Kontrolle zu bringen damit der 600 Jahresplan nicht gefährdet wird. Doch Tennerit kommt ums Leben.

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Tja, obwohl ich die Bücher von Andreas Brandhorst in der Regel sehr schätze, werde ich mit diesem hier einfach nicht richtig warm. Und das hat viele Gründe.

Ein Grund ist, dass die ganze Geschichte auf mich anfangs sehr überhastet und hektisch wirkt. Man wird in das neue Universum geworfen und mit jeder Menge Fachausdrücke, auf die man sich erst mal keinen Reim machen kann, konfrontiert. Die Geschichte beginnt quasi mit der Wiedergeburt von Rahil Tennerit. Von der ersten Seite an ist er bereits auf der Flucht, vor wem weiß man nicht. Sein Gedächtnisimage ist über 1 Jahr alt und somit ist Rahil nicht auf dem neuesten Stand – genau wie der Leser. Brandhorst haut einem die technischen Fachbegriffe nur so um die Ohren, und das ist mir persönlich erst mal alles zuviel. Und ich bin an sich kein Leser, der von dem Autor an die Hand genommen werden möchte und dem man erst mal alles erklären muss.

Ein weiterer Grund ist, dass nach dieser hektischen Phase der Autor das Tempo herausnimmt. Das wäre ja ganz gut, aber die Rückblicke von Rahil in seine Kindheit können mich gleichfalls nicht wirklich fesseln. Es wird zwar so versucht dem Protagonisten Tiefe zu verleihen und dadurch seine kommenden Entscheidungen verständlich zu machen, aber das hätte man auch anders bewerkstelligen können, z. B. aus der Handlung an sich heraus, ohne eine Zeitreise zurück und so detailliert. Ein weiterer Abschnitt der die Spannung vermissen lässt und in dem gehörig auf die Bremse getreten wird ist die Passage, in deren Verlauf Rahil, sein Vater und Sammaccan mit einer Lokomotive unterwegs sind. Für Angestellte der Deutschen Bahn mit Sicherheit sehr lesenswert, aber ich als interessierter SF Fan möchte doch vielmehr über das Artefakt und die Hintergründe seines Erscheinens lesen.

Der letzte Grund betrifft die Auflösung der ganzen Geschichte. Hierzu muss ich jedoch etwas spoilern! Also Vorsicht, wer sich die Spannung nicht verderben lassen möchte, der sollte nun nicht weiterlesen!

--------------------------------- Spoiler Anfang ------------------------------------

Die Schmiede wurde von Menschen aus der Zukunft geschickt – aber welchen Grund hat diese ferne Menschheit ein solch machtvolles Instrument in die Vergangenheit zu schicken? Die Menschen haben das erreicht, wovon sie geträumt haben, sie wurden in den Kreis der Hohen Mächte aufgenommen und können an dem Wissen der Enzyklopädie teilhaben. Das vorgeschobene Motiv ist zwar das Ereignis zu verhindern, aber damit würde man die Aufnahme lediglich um ein paar Jahrhunderte beschleunigen und, was wesenlicht wichtiger ist, die Zukunft ändern. Die Menschen, die das Artefakt in die Vergangenheit schicken, würden damit ihre eigene Gegenwart auslöschen. Denn ändert man die Vergangenheit, ändert man natürlich auch die Zukunft. Dieser Preis wäre doch sehr hoch. Oder anders gefragt: Hätten wir heute eine Zeitmaschine, würden wir in die Vergangenheit reisen um den 30jährigen Krieg zu verhindern, uns damit selber auslöschen und das nur um eine Zukunft zu ermöglichen die annähernd der unseren entspricht (nur halt ohne uns)? Ich denke doch wohl eher nicht.

Und es bleibt dann immer noch die Frage, warum die Krion das Artefakt nicht einfach in der Vergangenheit und vor der Entdeckung zerstört haben, sie wussten ja davon da sie den Flug manipuliert hatten. Statt dessen wird ein Plan ersinnt, der so kompliziert ist und so viele Unwägbarkeiten in sich trägt, dass er zwangsläufig irgendwie und irgendwann scheitern muss und die Gefahr besteht, das das Artefakt gegen sie eingesetzt werden könnte. Und das nur, um die Aufnahme der Menschheit / Ägide zu verhindern? Ein wenig dünn wie ich finde.


Die Aussage im Epilog wirkt geradezu plakativ und ich hätte mich nicht gewundert, stünde dort der Satz: „Und wenn sie nicht gestorben sind, setzen sie auch heute noch korrupte Regierungen ab.“ In geradezu diktatorischer Art und Weise gehen Rahil und seine Schwester mit der Art von Arroganz vor, die sie selber verurteilen. Wer sind die beiden das sie entscheiden dürfen, was Gut und was Böse ist, was es wert ist erhalten zu werden und was nicht? Sie setzten die Maßstäbe und die Völker des Universums haben keine Möglichkeit dem zu entgehen. Das ist Diktatur.


--------------------------------- Spoiler Ende ------------------------------------


Es gibt aber auch viel positives über das Buch zu schreiben. Brandhorst hat ein wirklich schönes und komplexes Universum erschaffen, so facettenreich wie man es aus seiner Kantaki Trilogie kennt. Es ist eigentlich zu schön ausgearbeitet um nur einmal benutzt zu werden. Die Technik die er verwendet ist, was heutige SF betrifft, auf dem neuesten Stand. Mit Hilfe von Femtotechnik im Körper eines Menschen, analog zu den früheren Naniten, werden die Menschen fast unsterblich, da Wunden oder Krankheiten selbständig behandelt und geheilt werden. Ein im Einsatz getöteter Missionar wird quasi neugeboren indem ein Klon herangezüchtet und mittels eines Gedächtnisimages die Erinnerung und Persönlichkeit eingespeist wird. Sogenannte Schmieden, oder auch Replikatoren, können Werkzeuge oder sogar ganze Raumschiffe herstellen.

Das macht schon Spaß so etwas zu lesen. Und bis auf das, meiner Ansicht nach, nicht überzeugende Ende bin ich sonst dennoch recht zufrieden mit dem Buch. Brandhorst hat gezeigt, dass er zu einem wichtigen Genreautoren geworden ist von dem man auch in Zukunft noch einige sehr unterhaltsame Bücher erwarten kann.
 
 
 


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