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Mary Wollstonecraft Shelley

Frankenstein oder Der moderne Prometheus: Die Urfassung


 
»Frankenstein oder Der moderne Prometheus: Die Urfassung« von Mary Wollstonecraft Shelley


Besprochen von:
 
Hannes Sies
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Dies ist ein legendärer Roman, stil- und genrebildende Gothic-Klassik pur. Und eine Warnung an alle, die an eine Wissenschaft ohne ethische Grenzen glauben. Die Idee darin findet sich weiter bis etwa zur TERMINATOR-Filmreihe, dass menschliche Werke ihren Schöpfer heimsuchen...
Die Geschichte beginnt als Briefroman mit den Nachrichten von Robert Walton an seine Schwester. Er ist mit einem Schiff unterwegs, um eine Passage zum Nordpol zu entdecken, jedoch hat das Eis der Arktis ihn und die Mannschaft eingeschlossen. Während der Wartezeit beobachten sie, wie eine riesenhafte Person auf einem Hundeschlitten in Richtung Norden eilt. Am nächsten Morgen nehmen sie einen Mann an Bord, der schwerkrank und am Ende seiner Kräfte ebenfalls auf dem Weg nach Norden war. Es ist Viktor Frankenstein, der von Walton die nächsten Tage gesund gepflegt wird. Als er sich langsam erholt und den tödlichen Ehrgeiz in den Augen seines Retters erkennt, beginnt er, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Viktor war bereits in seiner Kindheit in Genf überaus intelligent und von einem unstillbaren Wissensdurst getrieben. Bereits früh kam er in Kontakt mit den Werken des Alchemisten Cornelius Agrippa und seiner Gesinnungsgenossen Albertus Magnus und Paracelsus. Doch bald erkannte er, dass deren Wissen weit überholt und fehlgeleitet war. Mit 17 reiste er nach Ingolstadt, um an der dortigen Universität Naturwissenschaften zu studieren. Während seiner Arbeiten fand er wieder Zugang zu seinen alten Mentoren und in Verbindung mit den derzeitigen Möglichkeiten entdeckte er das Geheimnis, wie man toten Stoffen Leben einhaucht.

Begeistert von dieser Erkenntnis beschloss er, ein menschliches Wesen zu erschaffen. Monatelang trug er die notwendigen Materialien und Apparaturen zusammen und verzehrte sich bei seiner Aufgabe. Groß und mächtig sollte es werden, doch Viktor schlampte bei der Zusammenstellung und so war er von seiner Schöpfung bei ihrem ersten Atemzug angeekelt, so hässlich und furchteinflößend wirkte sie. Entsetzt floh er aus dem Labor und traf dabei auf seinen Jugendfreund Henri Clerval. Dieser war ihm nachgereist, um gemeinsam mit ihm zu studieren, und weil er sich wegen des Ausbleibens von Nachrichten Sorgen um Viktor machte. Dieser fürchtete sich davor, seinem Freund die Wahrheit zu offenbaren, doch als sie in Viktors Wohnung und Labor eintrafen, war das Wesen verschwunden.

Viktor, von der monatelangen Überarbeitung und dem Schock schwer mitgenommen, erkrankte an Nervenfieber, und nur der fürsorglichen Pflege Henris war es zu verdanken, dass er überlebte. Nachdem er wieder genesen war, widmete er sich gemeinsam mit seinem Freund den Studien und verdrängte alle Gedanken an seine Schöpfung. Kurz bevor er im nächsten Sommer seine Familie besuchen wollte, erreichte ihn ein Brief seines Vaters mit der Mitteilung, dass sein junger Bruder Wilhelm ermordet worden war. Noch in der Nacht seiner Ankunft erblickte er eine riesenhafte Gestalt und war sofort davon überzeugt, dass seine Schöpfung der Täter war. Doch an deren Stelle wurde Justine, das Hausmädchen und Gesellschafterin der Frankensteins, des Mordes bezichtigt, weil ein Medaillon, das Wilhelm zum Zeitpunkt seines Todes getragen hatte, bei ihr gefunden wurde. Trotz der nachdrücklichen Fürsprache von Viktor und dessen Adoptivschwester Elisabeth wurde Justine für schuldig befunden und hingerichtet.

Viktor, der den wahren Täter kannte, verging in den nächsten Tagen förmlich vor Schuldgefühlen und Selbstmitleid, wagte es jedoch nicht, die Wahrheit zu offenbaren. Stattdessen unternahm er weite Streifzüge in die Umgebung, um sich abzulenken. Dabei traf er auf das von ihm geschaffene Wesen. Dieses erzählte ihm, dass es durch das versteckte Beobachten einer Bauernfamilie sprechen und lesen gelernt hatte. Doch obwohl es der Familie im Winter durch das Hacken von Brennholz und die Beseitigung des Schnees heimlich geholfen hatte, gerieten die Bauern in Panik, als es sich ihnen schließlich offenbarte. Sie schlugen es und flohen dann vor ihm. Wütend und enttäuscht machte es sich daher auf den Weg zu seinem Schöpfer.

Dessen Lebensgeschichte und Wohnort kannte es durch Viktors Tagebuch, das es bei seiner Flucht aus dem Labor zufällig mitgenommen hatte. Der Unhold gab zwar zu, dass er Wilhelm erwürgt habe, doch konnte man dies auch als unglückseligen Unfall betrachten, da er nur die Hilfeschreie des Knaben verhindern wollte und seine Kräfte zu stark waren. Auch betrachtete er sich nur als Opfer der widrigen Umstände, und nur die Ablehnung der Menschen habe in ihm das Böse entfacht. Daher bat er Viktor, ein zweites Geschöpf zu erschaffen, eine Frau. Er erhoffte sich, durch ein ebenso hässliches Geschöpf, wie er es ist, Liebe und Zuneigung zu erfahren. Gemeinsam sollten sie weitab jeder menschlichen Zivilisation ihr restliches Leben verbringen. Von den Worten des Wesens gerührt und um sich von seiner Schuld ihm gegenüber reinzuwaschen, willigte Viktor ein.

Unter einem Vorwand reiste er gemeinsam mit Henri nach England und weiter nach Schottland, um auf einer kleinen Insel der Orkneys sein Werk zu vollenden. Doch er bekam Zweifel und befürchtete, dass das zweite Wesen genauso schlecht und böse werden würde wie das erste. Außerdem argwöhnte er, die beiden Kreaturen könnten Kinder zeugen, die Generationen später eine Bedrohung für die Menschen werden könnten. Daher vernichtete er sein fast vollendetes Werk vor den Augen des Unholds, der ihm heimlich gefolgt war. Rasend in seinem Zorn und voller Wut erwürgte dieser aus Rache Henri und versuchte, den Mord Viktor in die Schuhe zu schieben, was jedoch misslang. Daraufhin kehrte Viktor nach Genf zurück und heiratete seine geliebte Elisabeth. Doch der Unhold, empört über Viktors abermaligen Versuch, Trost und Liebe zu finden, während er selbst für den Rest seines Lebens allein und ausgestoßen bleiben musste, ermordete die Braut noch in der Hochzeitsnacht. Als wenige Tage später Viktors Vater, durch die vielen schweren Unglücksfälle gezeichnet, an gebrochenem Herzen starb, machte sich Viktor auf, um sein Geschöpf zu jagen und zur Strecke zu bringen. Wild entschlossen folgte er der Spur, die der Unhold ihm hinterlassen hatte, bis in die weiten Eiswüsten der Arktis. Abgezehrt und schwerkrank traf Viktor schließlich auf das Schiff Waltons.

Ab hier führen abermals Waltons Briefe die Geschichte weiter, denn Viktor Frankenstein stirbt nur wenig später. Nachdem das Eis Waltons Schiff wieder freigegeben hat, sieht sich dieser auf Grund einer nahenden Meuterei gezwungen, gegen seinen eigenen Willen die Heimkehr anzutreten. In einer darauffolgenden Nacht kommt Frankensteins Kreatur an Bord und findet ihren Schöpfer tot. In tiefer Trauer um ihre schlechten Taten und Abscheu vor sich selbst, kehrt sie auf das Eis zurück, um im Feuer eines Scheiterhaufens den Tod zu finden.
 
 
 


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