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Mark Hodder

Auf der Suche nach dem Auge von Naga


 
»Auf der Suche nach dem Auge von Naga« von Mark Hodder


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(5)

 
 
Sir Richard Francis Burton erhält von Englands Premierminister Lord Palmerston den Auftrag, eine Expedition ins ferne Afrika auszurüsten und dort einen schwarzen Diamaten, die magischen Steine von Naga, zu suchen. Lord Palmerston erhofft sich mit Hilfe dieser geheimnisvollen Steine einen nicht unerheblichen Vorteil gegen das Deutsche Reich unter Otto Bismarck denn ein Krieg zwischen den beiden Weltmächten scheint unausweichlich zu sein, in Europa und in den fernen Kolonien beider Länder.

Die Expedition nach Afrika steht jedoch unter keinem guten Stern. Zuerst wird ein Mordanschlag auf Sir Burton gerade noch vereitelt, dann wird das Luftschiff mit dem man Afrika zu erreichen versucht, sabotiert und stürzt ab. Und als ob das noch nicht genug wäre, erfährt Sir Burton, dass sein alter Freund John Speke sich auf die Seite Preußens geschlagen hat und sich zusammen mit Ferdinand Graf von Zeppelin ebenfalls auf der Suche nach dem Auge von Naga befindet. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, dann Speke und Graf Zeppelin haben einen enormen Vorsprung.

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Bereits zum dritten Mal lässt uns Mark Hodder in seinem Buch Auf der Suche nach dem Auge von Naga (OT: Expedition to the mountains of the moon) an den Abenteuern seines Duos Sir Richard Francis Burton und Algernon Charles Swinburne teilhaben. Und dieses Abenteuer hat es wahrhaft in sich. Läßt der englische Titel vielleicht noch eine Expedition zum Mond erahnen, so sei gesagt, dass es sich bei den „mountains of the moon“ lediglich um die Mondberge (das Ruwenzori Gebirge) im östlichen Afrika handelt. Einem Gebirge, in dessen Nähe man zur Zeit Sir Burtons den Ursprung der Quellen des Nils vermutete und das unter anderem von dem Forscher Henry M. Stanley entdeckt wurde. Stanley selber wird in dem vorliegendem Buch ebenfalls kurz erwähnt.

Die Story lässt sich klar in drei Handlungsebenen einteilen - Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit. Die erste handelt von den Vorbereitungen und der Durchführung der Expedition nach Afrika. Dieser Teil der Handlung ist zwar recht interessant und bisweilen auch sehr actionreich, kommt dafür aber leider oftmals über das Niveau eines Reiseberichtes nicht hinaus. Die Expedition zieht von A nach B, weiter nach D über C, zwischendurch wird an die Eingeborenen dann auch mal eine Art Wegegeld, Hongo genannt, gezahlt, und das war es dann auch schon. Zwar immer irgendwie nicht schlecht, aber von den Socken reißt es auch keinen.

Burton tritt diese Reise mit vielen, bereits aus den Vorgängerbänden bekannten Freunden an. Natürlich sind auch wieder Swinburne, Trounce und Spencer mit von der Partie, des weiteren auch Oscar Wilde, die Polizisten Krishnamurthy und Honesty, sowie die Krankenschwester Raghavendra. Eigentlich ist jede dem Leser bereits bekannte Person irgendwie an der Expedition beteiligt. Und, Spoiler hin oder her, fast alle werden die Reise nicht überleben. Das, was Mark Hodder da mit seinen Protagonisten durchgezogen hat, nennt man wohl gemeinhin Tabula Rasa. Es werden auch solche Leute nicht überleben, von denen man es nie vermutet hätte. Der Leser kann sich also auf einiges gefasst machen.

Die zweite Handlungsebene hat es dafür jedoch wieder in sich und ist einfach nur klasse. Völlig unvermittelt reißt Hodder seinen Leser aus der aktuellen Handlung heraus und katapultiert ihn und seinen Helden Sir Burton, via Zeitreise, ins Jahr 1914 - mitten hinein in den englisch-deutschen Krieg im fernen Afrika. Wie Burton ins Jahr 1914 gelangt ist, wer er ist (er selber hat seinen Namen vergessen) ist für den Leser und Sir Burton unerklärlich. Erst durch die Gespräche Burtons mit dem Kriegsreporter Herbert George Wells ( Autor von Büchern wie Die Zeitmaschine oder Krieg der Welten) erlangt dieser sein Gedächtnis Stück für Stück zurück. Wells erkennt in ihm Sir Richard Francis Burton, einen Mann von dem er weiß, dass er bereits 1890 verstorben ist – und der nun im Jahr 1914 mit ihm zusammen im Schützengraben liegt. Burton erfährt von Wells ferner, dass England nicht mehr existiert und das sich die kläglichen Überreste des ehemaligen Empires in Afrika in der Stadt Tabora gesammelt haben und dort um ihr Überleben kämpfen. Auch Kanzler Bismarck lebt nicht mehr, er wurde von Friedrich Nietzsche, der nun selber Deutschland regiert, in einem Handstreich beseitigt.

Für mich eine absolut phantastische Handlungsebene die Anfangs noch jede Menge Fragen aufwirft und einen völlig ratlos zurücklässt. Die Welt des Jahres 1914 ist eine üble Welt mit biologischen und technischen Waffen, die einfach nur schrecklich sind. Während die Technokraten des Empires ihre Hoffnungen in die Entwicklung von dampfbetriebenen Maschinen setzen, konzentrieren sich die Eugeniker des Deutschen Reiches eher auf die Manipulation und Mutation von Pflanzen und Tieren. Die Geschichte wird, vergleicht man alle drei Bände miteinander, immer düsterer und unheimlicher. Immer mehr wird der Wahnsinn, der durch die Zeitreise von Spring Heeled Jack hervorgerufen wurde, deutlicher und immer offensichtlicher wird für Sir Burton die Tatsache, dass dieser Zweig der Geschichte eigentlich nicht existieren dürfte. Endlich erkennt Sir Burton, warum er diesen Zeitsprung ins Jahr 1914 machen musste und welche außerirdische Präsenz ihm dazu die Mittel geliefert hat.

Die dritte und letzte Handlungsebene schließt den Kreis. Auch hier findet wieder eine Zeitreise statt, diesmal jedoch in die Vergangenheit. Um die Zeitlinie wieder in die richtige Bahn zu lenken, muss Sir Burton selbst tätig werden und den Eingriff von Spring Heeled Jack in die Zeitlinie verhindern. Dumm nur das Sir Burton dabei selbst einen Fehler begeht und dadurch die Zeitlinie noch mehr durcheinander würfelt.

Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Es beginnt in der Vergangenheit, wechselt danach in die Gegenwart und wird von Sprüngen in die Zukunft regelmäßig unterbrochen, bis es sich wieder in der Gegenwart einpendelt um dann, gegen Ende hin, mit der eigentlichen Zeitreise in die Vergangenheit abzuschließen. Auch wenn sich das alles kompliziert anhört, ist es doch logisch und in sich geschlossen. Der Leser muss halt nur etwas Geduld aufbringen und bis zum (bitteren) Ende des Buches weiterlesen. Danach erklärt sich die Geschichte von selbst. Was bleibt ist ein Cliffhanger und die Hoffnung, dass schnellstmöglich der Folgeband erscheint.

Wie auch in den beiden Büchern zuvor, versteht es Mark Hodder Persönlichkeiten unserer realen Vergangenheit in die Story einzubauen. Dieses trifft es Otto Bismarck, Aleister Crowley, H. G. Wells und Friedrich Nietzsche. Auch Burtons Fast-Ehefrau Isabel Arundell hat einen tragenden und sehr kriegerischen Auftritt. Zwar stimmt der Lebenslauf der Charaktere in dem Buch nicht immer mit dem tatsächlichen überein, dafür entschuldigt sich der Autor in seiner Danksagung auch bei den Hinterbliebenen, aber er hebt immer ihre besonderen und tatsächlichen geschichtlichen Fähigkeiten hervor. Der Wissenschaftler bleibt stets ein Wissenschaftler, der Schriftsteller ein Schriftsteller und der Politiker ein Politiker.

Der Schreibstil von Hodder ist einfach nur gut und sehr kurzweilig. Zudem scheint mir der Übersetzer Michael Krug einen wirklich guten Job gemacht zu haben. Die Sprache wirkt authentisch und nicht gekünstelt. Wie gewohnt, ist am Ende wieder eine Vita von vielen, der im Buch genannten Personen, zu finden. Abgerundet wird das alles von der Originalfassung des Gedichtes A Lamentation von Algernon Swinburne.

Fazit:
Ein wirklich erstklassiges Buch, das auf die Ereignisse der beiden Vorgänger immer wieder zurückgreift und die Geschehnisse konsequent fortführt. Neueinsteiger sollten daher unbedingt mit dem ersten Band der Reihe zu beginnen. Dafür werden sie jedoch mit einer absolut phantastischen und abgefahrenen Geschichte belohnt.
 
 
 


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