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Kenneth Oppel

Düsteres Verlangen: Die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein


 
»Düsteres Verlangen: Die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein« von Kenneth Oppel


Besprochen von:
 
Lanara
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Victor und sein Zwillingsbruder Konrad verleben gemeinsam mit Cousine Elizabeth und dem gemeinsamen Freund Henry eine unbeschwerte Jugend auf dem Schloss ihrer Eltern am Genfer See. Schulunterricht zu Hause, Fechtunterricht, Bootsfahrten und Reitausflüge lassen sie die gemeinsame Zeit wie im Rausch verleben. Doch eines Tages erkrankt Konrad an einem Fieber, der herbei gerufene Hausarzt weiß ihm nicht zu helfen. Die ganze Familie bangt um Konrad Leben, doch Victor erinnert sich an die geheime dunkle Bibliothek, die er vor einiger Zeit beim herumstreifen im Schloss gefunden hat. Hier findet er ein Buch, indem von einem „Elixier des Lebens“ die Rede ist. Er ist fest entschlossen, seinem Bruder das Leben zu retten und macht sich – unterstützt von Elizabeth und Henry - auf die Suche nach den Zutaten und jemandem, der ihm helfen kann, dieses Elixier herzustellen. Bei dieser Suche steht vieles auf dem Spiel: Ihre Freundschaft und sogar ihr Leben.

Die Geschichte ist aus Victors Sicht geschildert und der Leser erlebt die komplette Bandbreite seiner Gefühlswelt, seine Zerrissenheit und seinen Ehrgeiz. Victor ist von den Zwillingen der aufbrausendere und wildere, Konrad eher ruhig und besonnen, im Schulunterricht besser und eigentlich auch der charmantere der beiden Brüder. Beide stehen sich sehr nahe, sie lieben sich, wie sich wohl nur Zwillinge lieben können. Doch diese Liebe wird auf eine Probe gestellt; Victor als der Zweitgeborene fühlt sich häufig unvollkommen und will gegen Konrad konkurrieren. Und als er entdeckt, dass Konrad und Elizabeth sich lieben und diese Liebe von seinen Eltern gut geheißen wird, wächst die Eifersucht. Diese Wandlung ist sehr gut mitzuerleben. Zuerst getrieben von der Bruderliebe, will Victor unbedingt ein Heilmittel finden. Doch im Laufe der Zeit sieht man nicht mehr so klar, ob er immer noch wegen seines Bruders Erfolg haben möchte oder ob er durch einen Erfolg Anerkennung erhalten will – oder sogar die Liebe von Elizabeth.

Elizabeth ähnelt teilweise von ihrer Art her eher Victor: wild, lebensfroh und abenteuerlustig. Obwohl man denkt, dass die beiden füreinander geschaffen sind, liebt sie den ruhigen Konrad. Henry, der vierte im Bunde, ist ein guter Freund und häufiger Gast auf dem Schloss. Poetisch veranlagt, pragmatisch und eigentlich eher ängstlich. Doch er wandelt sich und wächst über sich hinaus. Faszinierend war auch der Alchimist Julius Polidori, der - obwohl wegen Alchemie verurteilt und seitdem im Rollstuhl sitzend - vordergründig hilfsbereit und nett wirkt, aber doch anders ist, als er zu sein scheint.

Schon von den ersten Seiten an hat mich dieses Buch gefesselt und mich beim Lesen in eine andere Zeit entführt. So bildhaft beschreibt Kenneth Oppel die Charaktere und ihr Leben, ihre Gefühle und Ängste. Selbst Nebenfiguren wirken lebendig und echt. So spürt man den Sonnenschein im Gesicht, wenn die vier Freunde sich in ihrem Boot auf dem See treiben lassen. Aber genauso ängstigt man sich mit Henry, wenn sie nachts im dunklen Wald auf der Suche nach den Zutaten für das Elixier sind. Henry übrigens hat mir als Charakter sehr gut gefallen.

Auch das Cover ist ein Hingucker. Sieht man auf den ersten Blick nur einen Tintenfleck à la Rorschach in Form einer Teufelsfratze, erkennt man bei genauerem Hinsehen doch einige Einzelzeiten. Aus der Bildmitte heraus blickt uns eine junge Frau entgegen, am Rand des „Flecks“ erkennt man zwei junge Männer; sie sehen sich ähnlich, aber sind doch unterschiedlich.

Fazit: Eine gelungene Mischung aus Düsternis, Spannung, Abenteuer, die den Leser zu fesseln vermag. Das Ende bleibt mehr oder weniger offen und verspricht eine Fortsetzung. Diese ist im August 2012 mit dem Titel „Such wicked intent“ bei Simon & Schuster Books for Young Readers erschienen, auf die deutsche Ausgabe müssen wir hoffentlich nicht mehr allzu lange warten.
 
 
 


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