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Frederik Pohl

Meisterwerke der Science Fiction
Eine Handvoll Venus

  • Autor:Frederik Pohl
  • Titel: Eine Handvoll Venus
  • Serie:Meisterwerke der Science Fiction
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:01 Dezember 2008
  • Preis:EUR 8,95 EUR

 
»Eine Handvoll Venus« (Meisterwerke der Science Fiction) von Frederik Pohl


Besprochen von:
 
pelaphina
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Überbevölkerung und Ressourcenknappheit auf der Erde ist ein so dringendes Problem geworden, dass neue Territorien erschlossen werden müssen. Der Werbetexter Mitchell Courtenay wird beauftragt, der Masse der Bevölkerung die Expansion zur Venus schmackhaft zu machen – auch wenn dort keine besonders angenehmen Lebensbedingungen herrschen. Mitch leistet hervorragende Arbeit, doch werden bald mehrere Anschläge auf sein Leben verübt – womöglich die Konkurrenz der Werbefirma, die ihn lieber tot sehen würde? Nachdem man ihn bewusstlos geschlagen hat, findet er sich in einem Arbeitslager wieder, ohne Rechte und ohne Geld, seiner Identität beraubt. Plötzlich befindet er sich am anderen Ende der sozialen Leiter und erlebt aus erster Hand, welche Verbrechen am einfachen Mann begangen werden: unzureichender Schutz der Arbeiter, miese Verträge und unvermeidliche Schuldenspirale. Mitchs einziger Ausweg scheint darin zu liegen, sich der Gegenbewegung der Natschus (Naturschützern) anzuschließen, welche die Ausbeutung der Erde stoppen wollen.


Meinung
Der Roman erschien 1952 unter dem Namen „Gravy Planet“ als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Galaxy, bevor die Buchversion „The Space Merchants“ publiziert wurde. Diesen systemkritischen Roman in der McCarthy-Ära zu veröffentlichen, war alles andere als einfach. Es ist noch erstaunlicher, wie dieser Roman nach über 50 Jahren dermaßen aktuell wirkt und spricht Bände über die Vorstellungskraft der Autoren.

Marketingfirmen, die mit einprägsamen Bildern, Videos, Texten und sogar Gerüchen manipulieren, abhängig machen und immer mehr Macht gewinnen – Marketingstrategen ohne Skrupel und in ihrer eigenen Welt lebend, die sich Tag für Tag Mittel ausdenken, Suchtmittel an den Mann zu bringen, um die Welt mit noch mehr unnützen Produkten zu füllen – eine Klassengesellschaft mit einer ungebildete Unterschicht, die ihre Rechte nicht kennt und schamlos ausgenutzt wird – Mitchell Courtenay lebt in dieser Welt in der „Starklasse“, vom Leben des einfachen Mannes hat er keinen Schimmer, doch das ändert sich, als er selbst nach Costa Rica verschifft wird.

Die Dystopie von Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth ist wirklich nicht weit hergeholt, sie treibt den menschenverachtenden Kapitalismus nur auf die Spitze. Menschen schlafen in Treppenhäusern, die Luft auf der Straße lässt sich nur noch gefiltert atmen, es herrschen Wasser- und Lebensmittelknappheit. Das riesige Hühnchen „Chicken Little“ wird unentwegt gefüttert, damit man Fleisch von ihm schneiden kann, das dann wieder nachwächst. Besonders erschreckend folgende Stelle, die den Kreislauf der Abhängigkeit beschreibt:

„Es war alles genau geplant: Ich kam ausgedörrt von der Schicht, nahm einen Schluck Popsie aus dem Automaten, nachdem ich meine Zahlenkombination gedrückt hatte – fünfundzwanzig Cents wurden von meinem Lohn abgezogen. Ein Schluck reichte nicht aus, ich nahm einen zweiten – fünfzig Cents. Das Essen war langweilig wie üblich; ich konnte nicht mehr als einen oder zwei Bissen Chicken Little runterwürgen. Später war ich hungrig, und in der Kantine gab es Crunchies auf Kredit. Die Kekse riefen Mangelerscheinungen hervor, die man nur beilegen konnte, indem man wieder zwei Schluck Popsie trank. Popsie wiederum verursachte Entziehungssyndrome, die sich nur beseitigen ließen, wenn man Starr-Zigaretten rauchte, die wiederum Appetit auf Crunchies erzeugten …“ (S. 145f)

Die Parallelen liegen auf der Hand, mit industriell gefertigter Nahrung, Industriezucker, Geschmacksverstärker et cetera leben wir gar nicht so anders.

„Eine Handvoll Venus“ haben die Autoren eine faszinierend abschreckende Welt geschaffen, dazu ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend. Die Abenteuer von Mitch sind leider nicht ganz so überzeugend. Besonders schade ist die plötzliche Wandlung des Protagonisten: Im Arbeiterlager immer noch derselbe Stratege ohne Mitgefühl und voller Verachtung für die Consies, macht er kurze Zeit später eine 180°-Wandlung durch.


Fazit
Als bissiger Kommentar auf die ökonomische Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten und die gewissenlosen Strategien der Wirtschaft hat der Roman auch nach über fünfzig Jahren nichts von seiner Aussagekraft und Relevanz verloren.
 
 
 


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