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Evangelisti, Valerio

Inquisitor-Zyklus 3
Die Ketten des Inquisitors

  • Autor:Evangelisti, Valerio
  • Titel: Die Ketten des Inquisitors
  • Serie:Inquisitor-Zyklus 3
  • Genre:Fantasy
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne
  • Datum:00 -
  • Preis:15.55 DM

 
»Die Ketten des Inquisitors« (Inquisitor-Zyklus 3) von Evangelisti, Valerio


Besprochen von:
 
Thomas Troegel
Deine Wertung:
(4)

 
 
Die Handlung um den Inquisitor Nikolas Eymerich setzt 7 Jahren nach den
schrecklichen Ereignissen in Castres ("Das Blut des Inquisitors")
ein. Eymerich wird zum Papst nach Avignon befohlen, da es wieder Fälle
von Häresie (abweichende Lehre vom Dogma der Kirche) durch die angeblich
vernichtet geglaubten Katharer gegeben haben soll. Obwohl dies fast unmöglich
scheint, wird der sehr erfolgreich agierende Inquisitor in Richtung AostaTal
geschickt, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen. Auf seiner Reise
sieht er kurz vor seiner Ankunft seltsame Wesen über die Straße
huschen, die teils menschliche aber auch teils unterschiedliche tierische
Züge aufweisen. Doch ganz sicher ist sich Nikolas Eymerich nicht.

Wie der Leser schon aus den vorhergehenden Teilen gewohnt, geht Eymerich
bei der Erfüllung seiner Aufgabe sehr geradlinig und meist wenig rücksichtsvoll
vor. Den herrschenden Fürsten scheint er schnell vergrault zu haben
und den seltsamen Herrn der ihm zugewiesenen Burg Semurel verweist er sehr
bald der eigenen Unterkunft. Doch Eymerich ist klar, dass dieser eine Schlüsselrolle
in den merkwürdigen Ereignissen der Region innehat.
Bei seinem ersten Besuch an einer Kapelle wird er wiederholt als heiliger
Bösewicht bezeichnet. Dies ist für Eymerich erschreckend, da
dieser Begriff nur in Castres bekannt war und er alle Gegner dort vernichtet
hatte. Wie war dies nur möglich und wieso erinnert ihn ein Gefangener
so sehr an ein Opfer aus Castres?
Die mit ihm gereisten Padres sind sehr unterschiedliche Charaktere und werden
von Evangelisti hervorragend skizziert. Besonders auffallend ist der stark
verblendet scheinende Pater Simon de Paris, der mit allen Mitteln gegen
die Ketzerei vorgehen will. Doch hier zeigt sich die Genialität des
Inquisitors. Nach der Gefangennahme verweigert er so lange als möglich
die direkte Folter, obwohl allein die grausame Unterbringung und er Nahrungsentzug
schrecklich genug sind. Die Figur des gemäßigten Paters Jacinto
ist aus Band 2 schon hinlänglich bekannt und ihm kommt im Verlauf des
Romans eine ungeahnte Bedeutung zu.
Trotz anfänglicher Erfolge kommt es zu nicht vorhersehbaren Ereignissen.
Die Soldaten des Inquisitors richten ein Blutbad an und kommen später
selbst ums Leben. Für deren Tod ist die Giftpflanze Herbstzeitlose
von großer Bedeutung, da deren Samen mit denen des Safrans verwechselt
wurden und so in die Nahrung gelangten. Ein Apotheker des nahe gelegenen
Dorfes weist den Inquisitor auf die gefährliche Pflanze hin. Doch genau
dieses Kraut spielt noch eine wichtige Rolle. In den Verhören erkennt
Eymerich, dass die seltsamen Wesen nicht nur durch Semurel geschützt
werden, sondern auch eine bestimmte Quelle sowie weitere Umstände
für die Transformation verantwortlich sind. Und ganz wichtig ist dabei
die Herbstzeitlose. Als er diese Ketzer im Wald und die Quelle vernichten
will, sind diese Wesen schon tot. Und er läuft in eine gigantische
Falle, die ihm auch aus höchsten Kreisen gestellt wurde und aus der
es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Im Verlies erfährt er die ganze verblüffende und für ihn
nicht zu akzeptierende Wahrheit und wird mit seinem Schicksal konfrontiert
und dies ist nicht sein Tod. Ihm droht der Sturz in die ominöse Quelle
mit allen "Zutaten" und eine total verblödete Person entsteigt
dieser.
Wie von Evangelisti gewohnt läuft ein weiterer Handlungsstrang in der
relativen Gegenwart ab. Ganz zu Beginn wird eine Person durch eine Organisation
namens RACHE verhört, die angeblich im 14. Jahrhundert geboren wurde.


Anhand eines gewissen Da Costa wird dem Leser die Schrecken des Organhandels
und deren rätselhafter Gewinnung in Guatemala verdeutlicht.
Danach führt die Erzählebene nach Deutschland in das Jahr 1937.
Der Wissenschaftler Jakob Graf soll im Auftrag des dritten Reiches an der
Schaffung einer überlegenen Rasse forschen. Gerade dieser Jakob Graf
arbeitet mit einer safranähnlichen Pflanze. Und er hat Erfolg, der
sich aber noch nicht im zweiten Weltkrieg einstellt.
Im Verlauf des Romans wird der Leser anhand von Episoden mit der Skrupellosigkeit
der RACHE konfrontiert und erkennt, dass diese immer noch das alte Ziel
verfolgt, perfekte Menschen zu schaffen. Die alten Nazis stehen noch immer
munter an der Spitze und erstaunlicherweise haben einige Akteure auffallende
Namen (Semurel, Mureles, Remusel). Was bedeuten diese Anagramme? Erst gegen
Ende des Buches wird klar, aus welcher Perspektive die Geschichte von Eymerich
erzählt wurde und viele Vorfälle ergeben nun einen Sinn. Und plötzlich
taucht eine Person dieses Namens im 20. Jahrhundert auf.
Die im Anhang dargestellte Zukunftsversion ist nicht nur für Europa
deprimierend. Die Eurobank beherrscht Europa und die RACHE kämpft
gegen die Euroforce-Soldaten. Und wieder sind Da Costa und andere Bekannte
dabei. Und wieder trügt zum Teil der erste Schein.
Der gut 330 Seiten lange Roman von Evangelisti hat es diesmal in sich. Auf
alle Fälle ist es keine leichte Lektüre. Ein paar Fremdsprachenkenntnisse
sind sehr hilfreich und ein Blick in ein Fremdwörterbuch erleichtert
das Verständnis.
Insgesamt ist der Roman wirklich interessant bis spannend. Man ist immer
interessiert zu erfahren, wie die Handlungen sich weiter entwickeln. Bei
der Beschreibung des Mittelalters zur Zeit Papst Urban V. wird auf jegliches
Klischee verzichtet. Hervorragend wird anhand des Apothekers die Borniertheit
und Gier nach eigenem Vorteil aufgezeigt. Derartige Eigenschaften stören
natürlich einen überzeugten Inquisitor, wie Nikolas Eymerich.
Genial ist Evangelistis Streich, dass Eymerich nicht als Sieger aus den
Geschehnissen hervorgeht und Mitstreiter verliert. Und selbst der Papst
ist bereit, auf seine Getreuen zu verzichten, wenn es ihm nützt.
Wirklich bemerkenswert sind die Abschnitte, in denen auf Geschehnisse in
Rumänien und Guatemala eingegangen wird und es ist erschütternd,
wie weit Forschung gehen kann. Manchmal kann man sich besorgt fragen, wie
weit das Ganze eigentlich noch Utopie ist oder bleibt.
Mittlerweile aber muss Evangelisti aufpassen, dass sich seine Visionen nicht
widersprechen, denn auf die Geschehnisse, die in den USA im Band 2 aufgezeigt
wurden, wird im dritten Teil nicht mehr eingegangen. Und warum müssen
sich alle Aktionen, die den Inquisitor Nikolas Eymerich betreffen, immer
so verheerende Auswirkungen auf die Gegenwart und die Zukunft haben?

Wer gute Unterhaltung liebt und sein Wissen auf geschichtlichem und naturwissenschaftlichem
Gebiet erweitern will, ist auch mit "Die Ketten des Inquisitors"
sehr gut beraten. Wie immer stellt sich die Frage, ob es wirklich ein echter
Fantasy-Roman ist, obwohl das phantastische Element etwas stärker
vertreten ist. Eine Einordnung in gängige Genres ist kaum möglich
und von Evangelisti sicher auch nicht gewollt.
Das Cover ist ansprechend, doch wirkt es in Bezug auf die Handlung ein klein
wenig übertrieben. Im ersten Moment dachte der Rezensent an einen
Oger, doch darum geht es in dem Buch nun wirklich nicht.

Dieser bemerkenswerte dritte Teil wird mit 8 bewertet und lässt
auf weitere Fortsetzungen hoffen. Wie dies möglich ist, wird im
Roman aufgezeigt und soll nicht verraten werden.
 
 
 


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