Fantasy Reihe: Orelios

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Antako Whaea
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Fantasy Reihe: Orelios

Beitrag von Antako Whaea » Sa 31. Mär 2018, 00:51

Hallo da draußen!
Ich möchte euch meinen ersten Fantasy Roman "Orelios - Das Erwachen" vorstellen. Ich habe ihn mit Selbstverlag bei Amazon KDP veröffentlicht. Gerne gebe ich euch hier aber das erste Kapitel (mehr passt nicht in einen Beitrag ;) ) als Leseprobe.
Gerne könnt ihr mir eure Meinung dazu schicken und es freut mich natürlich, wenn der ein oder andere das ganze Buch ließt.
Nach "Das Erwachen" werden noch vier weitere Bücher kommen. Den zweiten Teil habe ich bereits fertig und auch Teil 3 ist schon zur Hälfte geschrieben.
Ich wünsche euch viel Spaß in Orelios ;)

Davor noch eine kurze Inhaltsangabe:
Als der Student Dargan die verbotene Grenze von Antaijan nach Tenrack überquert, droht der Jahrhunderte alte Konflikt der beiden Länder aufs neue auszubrechen.
Antaijan steht währenddessen ein politischer Umbruch bevor, der nur zwei mögliche Extreme kennt.
Zur gleichen Zeit leidet Tenrack unter dem Zorn eines mystischen Wesens, das über das Überleben der gesamten Welt zu entscheiden scheint.


Orelios
Teil 1: Das Erwachen
Von Clemens Kiefhaber

Kapitel 1

Noch lange bevor die Kriege zwischen Menschen den sinnlosen Tod hunderttausender Unschuldiger forderten, tobte in der Welt ein Kampf, der über Überleben oder Vernichtung aller Existenz entschied. Jeder Konflikt, so gewaltig er heute auch erscheinen mag, ist nichts, im Vergleich zu den unzähmbaren Mächten, die vor so langer Zeit um die Vorherrschaft dieser Welt kämpften. Vor tausenden Jahren wandelten weder Mensch noch Tier auf diesem Boden. Es gab keine grünen Grasebenen und keine dichten Wälder. Von trostlosen Landstrichen durchzogen, barg dieser tote und verdorbene Ort nichts Schönes. Die Einzigen, die durch die karge Landschaft streiften, waren Geister. Mächtige Wesen, geformt aus reiner Magie. Sie selbst haben die Welt nicht geschaffen, doch sie war durch die Jahrtausende zu ihrem Zuhause geworden. Bald jedoch gab es für sie nichts mehr zu entdecken und sie kannten jeden Winkel des Landes. Etliche schlossen sich zusammen und traten mit einer Bitte an einen der mächtigsten aus ihren Reihen. Einen Geist namens Tenbor. Sie baten ihn, ihre Heimat mit Leben zu füllen, wie sie es aus anderen Welten kannten.
Tenbor war angespornt von dem Vertrauen, das in ihn gesetzt wurde und so begannen nach langen Mühen Bäume zu wachsen und Gräser zu sprießen. Die Wälder zogen sich an den Berghängen hinab in die Täler und wanderten entlang der Flüsse durch das Land. Mit ihnen kamen Tiere in allen Größen und Formen, die sich rasch überall hin verbreiteten. Die anderen Geister bewunderten sein Werk und fingen an, die neue Welt zu erkunden. Es gab wieder Neues und Unbekanntes und ihr Durst nach Wissen zog sie erneut in alle Himmelsrichtungen davon. Tenbor selbst war jedoch immer noch nicht zufrieden und wollte ein Wesen schaffen, das wie er und seinesgleichen war. Es sollte sprechen und denken können. Es sollte ein eigenständiges Leben führen und sich selbst eine Zukunft errichten können. Er wusste, dass den anderen Geistern in wenigen hundert Jahren die Lust an Pflanzen und Tieren bald verging und er ihnen etwas Neues bieten musste. Dann würde er bereit sein.
Er zog sich in ein einsames Gebirge zurück und begann mit seiner neuesten Schöpfung. Doch nicht alle der anderen Geister waren mit dem Vorhaben einverstanden und am meisten erzürnte es seinen mächtigsten Widersacher. Tenrack. Er fürchtete das Einzige, was Wesen mit derlei Macht noch zu befürchten haben. Diese Macht wieder zu verlieren. Und genau in der Erschaffung des Menschen sah er diese Gefahr. Die anderen Geister hielten ihn davon ab, Tenbors Plänen in die Quere zu kommen, und sie verrieten sein Versteck nicht. Nur wenig später wandelten unsere Vorfahren durch die Wälder und lebten, ebenso wie die Tiere, an den Flüssen oder in den großen und üppigen Graslandschaften. Sie begannen Dörfer zu bauen, bestellten Felder und züchteten Tiere. Nichts wies darauf hin, dass sie nach der Macht der Geister strebten. Sie wollten nur ein friedliches Dasein führen. Tenrack jedoch wurde von immer mehr Wahnvorstellungen heimgesucht und entschloss sich schließlich dazu, Tenbor anzugreifen, bevor dieser den Menschen noch mehr Macht geben konnte. Tenbor rechnete jedoch schon seit langem mit solch einem Angriff und war gewappnet für den Kampf. Aus einem Kampf wurde ein Krieg, der mehrere hundert Jahre andauerte und einen hohen Tribut forderte. Die übrigen Geister zogen sich immer weiter zurück und die meisten verließen am Ende unsere Welt für immer. Nur die treuesten Gefährten der beiden Widersacher blieben zurück. Es war ein Krieg, in dem zwei unsterbliche Wesen versuchten, einander zu töten. Tenrack erkannte, dass sie sich ebenbürtig waren und so startete er Angriffe auf die einzige Schwäche Tenbors. Die Menschen waren seiner Macht nicht gewachsen und ihr Schöpfer konnte nicht jeden einzelnen von ihnen beschützen. Langsam begann Tenrack damit, im Norden eine Kälte zu verbreiten, die die Siedlungen der Menschen umfing und wie ein stiller Tod alle dahinraffte. Die Ernten auf den Feldern froren ein, die Tiere rissen aus und flohen in den Süden, Kinder und Alte starben über Nacht. Es war ein Massaker, welches Tag um Tag mehr Opfer forderte. Tenracks Gefolge hatte eine Ablenkung für Tenbor eingefädelt und bevor dieser merkte, was mit seinen Leuten geschah, war das halbe Land bereits unter der eisigen Herrschaft Tenracks zu Grunde gegangen. Er setzte all seine Kraft ein, die endgültige Vernichtung der Menschen zu stoppen, und so konnte er das südliche Land vor der Kälte bewahren. Dort wacht er nun und beschützt die letzten Menschen in Freiheit vor dem eisigen Griff seines Widersachers.
Schon oft hatte Noriat die alten Geschichten um die Geister gehört, doch jedes Mal verfiel sie wieder in Ehrfurcht. Es lag wohl auch viel an der mystischen Stimme, mit der Enok seine Erzählungen zum Besten gab, sodass sie die kämpfenden Geister vor ihren Augen sehen und die Kälte jedes Mal auf ihrer Haut spüren konnte.
Heute war der Festtag Tenbors, an dem sich das ganze Dorf versammelte, um gemeinsam zu dem Geist der Wärme und des Lebens zu beten. Ihre Huldigung stärkte ihren Erretter und so gaben sie ihm hoffentlich genug Kraft, dass er sie von der Herrschaft Tenracks befreien konnte. Brenik, eines der jüngsten Kinder, fragte den alten Enok, wieso wir nicht alle einfach in den Süden ziehen würden. Sofort legte sich eine unheimliche Stille über die große Dorfhalle und auch die Erwachsenen verstummten, gespannt auf die Antwort des Ältesten, obwohl sie bereits jeder kannte. Der alte Mann stand auf, schritt an das Feuer heran und fuhr mit warnender Stimme fort.
»Niemals darfst du die Grenze passieren. All die Menschen in Tenbor sind grausame Barbaren. Sie denken, sie stünden über uns und sie alleine verdienten das Privileg, unter dem Schutz Tenbors zu leben. Sie verachten uns aus ganzem Herzen. Wir sind nichts als Wilde für sie. Wenn sie auch nur einen Tenracki erwischen, der die Grenze überquert, hängen sie ihn am nächsten Baum auf… oder Schlimmeres!«
Er schwieg für eine Weile und drehte sich dann zu dem Halbkreis aus Kindern um, die auf dem Boden saßen.
»Meine Kinder… Niemals dürft ihr die Grenze passieren. Niemals! Hört ihr? Ihr müsst zu Tenbor beten, auf dass er eines Tages kommt und uns alle befreit.«
Auch Noriat hatte einmal diese Frage gestellt und selbst ihre Mutter, die nicht besonders begeistert von all diesen grausamen Geschichten war, hatte ihr dasselbe erzählt. Die Angst vor dem Süden schien tief zu sitzen und mit Sicherheit ihre Richtigkeit haben. Oft erzählte Enok ihnen Geschichten über all die Gräueltaten, die die Tenbori ihrem Volk im Laufe der Jahrhunderte angetan haben. Die Schlimmste von allen war jedoch ein Überfall, der sich vor etwa fünf Jahrtausenden ereignet hatte. Der Herrscher über Tenbor, Antaijan der Schlächter, wollte aus reiner Gier sein Reich vergrößern und überschritt die Grenze, um sich alles zu holen, was noch nicht sein war. Seine Macht, so behauptete er, war stark genug, um es sogar mit den Geistern aufzunehmen und so schreckte er vor nichts zurück. Er nahm sich alles, was er finden konnte. Von Schmuck und Schätzen bis hin zu Frauen und Kindern. Seine Männer schändeten das Land und die Menschen im Norden auf derart schreckliche Weise, dass seitdem ein Großteil der Tenracki weit oben im Norden lebte. Weit weg von der Grenze zum Süden.
Heute wurde jedoch keine dieser Geschichten erzählt, da es ein Tag der Freude war und rasch wechselte Enok das Thema. Die Männer und Frauen des Dorfes verfielen allmählich wieder in ihre ausgelassene Stimmung. Sie tranken Bier und sangen Loblieder auf Tenbor und König Gelrik. Die Kinder spielten zwischen den Bänken und unter den Tischen. Sie versteckten sich hinter Fässern und Bannern, während eines der Kinder den Rest suchen musste.
Die große Dorfhalle war ein einziger, gigantischer Raum, in dem an etlichen Stellen Feuer prasselten, um die sich Männer und Frauen drängten und sich wärmten. Lange Tische und Bänke füllten den Rest der Halle und am Kopf, gegenüber der Tür, war ein Podest, auf dem, gebaut aus einem alten Boot, der Tisch der Ältesten stand. Sie bildeten zusammen mit dem Lerk, dem obersten Krieger, die Spitze eines jeden Dorfes. Sie leiteten die Bewohner in spirituellen Angelegenheiten und kümmerten sich um Recht und Ordnung in der Gemeinschaft.
An den Wänden hingen Fischernetze, Harpunen, Speere und vereinzelt Skelette oder gewaltige Kiefer von Fischen aus dem Meer Rackmor, an dem Nikat lag. Noriat gefielen am besten die vielen bunten Muscheln, deren vielfältige Formen die Kanten der Säulen schmückten. Noriats Vater hatte ihr erzählt, dass in jedem Dorf die große Dorfhalle so geschmückt war, dass man das Hauptgewerbe der Bewohner sofort erkennen konnte. Außerdem wurden sie stetig verändert. Künstler und Handwerker nutzten ihre freie Zeit, um den Versammlungsort des Dorfes zu verschönern.
Alle einhundert Monde fand das Fest für Tenbor statt, welches gleichzeitig jedes Mal eine neue Jahreszeit einleitete. Es gab natürlich auch Festtage für die anderen Geister, denn sie wollte man besänftigen, wieder in diese Welt zurückzukehren oder das Land und seine Menschen zu segnen. Die meisten wurden allerdings nur im Kreise der Familie gefeiert und so war der Tag Tenbors einer der wenigen Anlässe, bei dem alle aus dem kleinen Dorf Nikat und der Umgebung zusammenkamen, sich neue Geschichten erzählten und gemeinsam feierten.
Noriat belauschte ein Gespräch zwischen zwei Fischern, von denen der eine behauptete, er habe vor wenigen Tagen einen gewaltigen Fisch entdeckt, der mehr als doppelt so lang wie das größte Boot war. Er konnte jedoch nur den Rücken des Tieres sehen, in dem ein Loch war, aus dem eine gewaltige Wasserfontäne in den Himmel schoss. Niemand hatte je von einem solchen Fisch gehört und er suchte nach Mitstreitern, um in wenigen Wochen auf die Jagd nach ihm zu gehen. Auch Noriats Vater meldete sich für diese Aufgabe. Er selbst war zwar kein Seemann, doch seine Frau stammte aus einer Familie von Fischern aus dem großen Dorf Wolbark ab. Bei Besuchen hatte er oft mit ihren Geschwistern und Eltern Zeit auf dem Meer verbracht und verstand daher einiges von der Kunst des Fischens. Auch war er einer der besten Kämpfer des Dorfes und niemand konnte einen Speer mit einer derartigen Kraft und Präzision werfen, wie er es tat.
Noriat hatte sich aber schnell wieder von dem Gespräch losgerissen, da sie mit den anderen Kindern gerade Verstecken spielte und sie musste sich rasch einen guten Unterschlupf suchen. Brenik wollte sich gerade hinter einer Feuerstelle verstecken, als das brennende Holz laut knackste und Funken in die Luft wirbelten, die sein Gesicht trafen und er vor Schmerz aufjaulte. Schnell kam Smet, Enoks Frau, herbeigelaufen und tätschelte seine Schulter.
»Nana, das wird schon. Nicht weinen, mein Kleiner. Komm mit raus, die kalte Luft wird dir guttun. Nana, ist doch nichts passiert.«
Und sie zog den kleinen Buben durch eine Seitentür aus der Halle.
»Einer weniger, den Lit suchen muss.« Rinek tauchte vor ihr auf, grinste sie an und verschwand sogleich wieder unter einem Tisch.
Er war Noriats drei Jahre älterer Bruder. Sie unternahmen alles gemeinsam und konnten sich immer aufeinander verlassen. Rinek wollte ihr einmal das Bogenschießen beibringen, doch Noriat war noch viel zu klein, um den Bogen überhaupt halten zu können. Anstatt sie auszulachen, wie viele der anderen Kinder, eilte er am nächsten Tag an den Rand des Waldes, nahm einen einfachen Ast, baute einen behelfsmäßigen Bogen daraus und schenkte ihn seiner kleinen Schwester. Sie freute sich so sehr darüber, dass sie gleich jedem der anderen Kinder ihren neuen Bogen zeigte und von allen Seiten neidische Blicke erntete. Sie verbrachte viel Zeit damit, zusammen mit Rinek und ihrem Vater kleine Pfeile zu bauen, die allerdings kaum mehr als ein paar Schritte flogen.
Sie versteckte sich in einem kleinen Spalt zwischen der Wand und einem großen Bierfass und gab keinen Mucks von sich, um nicht von Lit entdeckt zu werden. Doch vergebens. Kurze Zeit später stand ein breit grinsendes Mädchen vor ihr und rief.
»Hab dich, Noriat!«
Smet und Brenik kamen gerade wieder in die Halle zurück, als Noriat ihr Versteck missmutig verließ. Lit zog soeben Rinek unter dem Tisch hervor. Er kam zu seiner Schwester herübergelaufen, stieß ihr leicht in die Rippen und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen. Sie ließen sich auf alle Vier fallen und krabbelten unter den großen Tisch, an dem Enok saß und unter dem Rinek sich eben noch versteckt hatte. Sie belauschten öfter die Erwachsenen und bei den Dorfältesten gab es die spannendsten Geschichten.
»… müssen wir das wirklich tun?«
»Ja, der König verlangt es von jedem Dorf. Sobald die Kinder in der Lage sind, ein Schwert, eine Axt oder einen Bogen zu halten, sollen sie in der Kriegskunst ausgebildet werden. Er wird doch nicht das Gesetz aufheben, das uns verbietet, zwischen den Dörfern Kämpfe auszutragen?«
»Das kann ich mir kaum vorstellen«, erklang Smets Stimme.
»Ich habe Angst«, warf Enok ein, »dass es einen neuerlichen Angriff aus Tenbor geben könnte. Es wäre ein guter Grund, die Zahl der Krieger zu erhöhen. Vielleicht weiß der König etwas, das er uns vorenthält.«
Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, murrte. »Ich hoffe sehr, du täuschst dich. Wir haben schon so lange Frieden, da…«
Sein Fuß traf Noriat im Bauch.
»Was…« Engberks Kopf tauchte auf einmal neben ihrem auf.
»Was macht ihr beide denn hier unten? Belauscht ihr uns etwa? Macht dass ihr fortkommt! Das geht euch verdammt nochmal nichts an!« Er trat noch einmal mit dem Fuß nach ihnen, verfehlte sie aber knapp.
Er muss wohl schon einiges getrunken haben, dachte Noriat. Der Schmied ist eigentlich ein ausgesprochen lieber Mann.
»Was der König wohl vorhat?«, fragte Rinek seine Schwester, als sie wieder unter dem Tisch hervorgekrochen kamen und sich den Schmutz von den Hosen klopften.
Sie zuckte mit den Schultern. Sie wollte nicht darüber nachdenken, sondern viel lieber wieder mit den anderen Verstecken spielen. Mit ihren acht Jahren verstand sie ohnehin nichts von der Politik.
Noriat und Rinek liefen gerade an der großen Holztür vorbei, als diese aufsprang und Kälte und Schnee hereinströmten. Eine Gestalt war im bläulichen Schimmer der Geisterlichter am Himmel zu erkennen. Noriat schrie vor Schreck auf und rannte sofort zu ihrem Vater, der nicht weit entfernt saß. Erneut legte sich Stille über den Raum.
»Wer ist da!«, rief Smet.
Keine Antwort.
Die Gestalt rührte sich nicht. Erst jetzt erkannte Noriat, dass der Umriss kaum größer war als sie selbst.
»Es ist ein Kind«, rief sie. »Ein kleines Kind!«
Die anderen schienen es auch bemerkt zu haben und sofort liefen mehrere Frauen und Männer auf den Eingang der Halle zu. Doch zu spät. Die Gestalt brach zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.
»Es ist ein Junge«, rief eine der Frauen, als sie ihn erreichte.
»Macht einen Tisch beim Feuer frei. Er ist eiskalt«, rief eine andere.
Es bildete sich eine Menschentraube um den Fremden, der kurz darauf auf einer Bank neben der Feuerstelle lag. Noriat drängelte sich durch und hörte die Leute tuscheln.
»Was ist mit ihm? Was hat er? Er muss völlig erfroren sein, so bleich wie er ist.«
Als sie an der Bank ankam, stockte ihr der Atem. Einen so merkwürdigen Jungen hatte sie noch nie gesehen. Seine Haut hatte die Farbe von Schnee und im Schein des Feuers schien sein nackter Körper zu leuchten. Die Haut war nicht glatt und geschmeidig, sondern wirkte vernarbt und rau. Risse zogen sich über sie und sie sah aus wie getrockneter und aufgesprungener Schlamm. Sein Haar hatte die gleiche weiße Farbe. Seine Rippen drückten sich gegen die Haut seiner Brust. Er sah abgemagert aus, als hätte er seit Wochen nichts gegessen.
»Er muss von einer Karawane stammen. Sie müssen ihn verloren haben. Der arme Junge.«
Noriat erkannte, dass ihre Mutter, Eiat, neben der Bank kniete und ihren Pelzmantel soeben über den Jungen legte.
»Bringt eine warme Suppe. Vielleicht ist er noch wach genug, um etwas zu essen!«
Ihre Mutter war seit jeher eine überaus führsorgliche Frau gewesen und hatte sich schon immer um die Kinder im Dorf gekümmert, deren Eltern starben oder diese einfach keine Zeit hatten, sich ständig um ihren Nachwuchs zu kümmern.
Als sie einen Löffel mit warmer Suppen an den Mund des Jungen hob, zuckte dieser leicht und begann den Kopf zu bewegen. Auch seine Augenlider flatterten kurz und dann schlug er sie mit einem Mal auf. Eiat ließ mit einem entsetzten Aufschrei den Löffel fallen und wich zurück. Ein Zucken ging durch die Menschenmenge und Noriat war erstarrt. Der Junge hatte sogar weiße Augen. Keine farbige Iris und keine schwarze Pupille. Nichts. Nur weiß. Er sah so unheimlich aus, dass sie sich am liebsten von ihm abgewandt hätte. Doch sie konnte nicht. Sie musste ihn einfach anstarren.

Seit mehreren Wochen hatten Noriat und ihre Familie nun einen Gast. Eiat hatte sich angeboten, den fremden Jungen aufzunehmen und sich um ihn zu kümmern. Sie hoffte, er würde sich an ihrem Tisch satt essen und wieder zu Kräften kommen. Bei der nächsten vorbeiziehenden Karawane hätte man sich erkundigt, ob eines der Dörfer den Jungen vermisst und so konnte er wieder zu seiner Familie nach Hause finden. Vor vier Monden traf eine Karawane aus Peyrack ein, doch die Nomaden waren genauso verwundert von dem Jungen, wie jeder der Dorfbewohner. Sie versprachen allerdings, jeden, den sie trafen, nach ihm zu fragen. Er war ein ausgesprochen merkwürdiger Gast und wurde mit der Zeit sogar ein bisschen unheimlich. Er aß nichts und sprach kein Wort. Immer wieder versuchte ihre Mutter mit ihm zu reden, ihn nach seinem Namen und Dorf zu fragen, aber der Junge schwieg stetig. Es war nicht einmal klar, ob er verstand, was sie sagte. Er saß nur da und starrte geradeaus. Wenn man den leblosen Blick seiner farblosen Augen als Starren bezeichnen konnte. Auch verschwand er einfach oder tauchte plötzlich irgendwo auf. Mal am Steg, wenn Noriat und Rinek gerade angelten, was ihnen jedes Mal einen Schreck einjagte. Mal, so erzählten ihnen die anderen, auch in irgendeinem Haus, oder in der großen Dorfhalle. Er blieb dann immer einfach an einem Fleck und starrte geradeaus.
Die meisten der Dorfbewohner hatten schon kurz nach der Ankunft des Fremden ihr normales Leben wieder aufgenommen. Sie fischten auf dem Meer, bereiteten sich auf die Jagd nach dem großen Fisch vor oder gingen in den Wald, um Bäume für Boote und Feuerstellen zu fällen. Auch fertigten sie in jeder freien Zeit Speere für die Jagd und so lag schon ein beachtlicher Haufen der Jagdwaffen vor einem Haus nahe des Stegs. Noriat und ihre Mutter bastelten zusammen mit anderen Frauen und Mädchen aus Nikat Schmuck aus allem, was sie finden konnten. Egal ob Holz, Muscheln, Knochen oder Steinen. Diesen verkauften sie immer an vorbeiziehende Karawanen, die von Dorf zu Dorf zogen und dort Handel trieben. Sie hatten schon Pläne gemacht, welchen Schmuck sie mit den Knochen des neuen Fisches herstellen konnten. Eiat wollte etwas ganz Besonderes fertigen, das sie an den König selbst schicken würde. Immerhin wusste niemand etwas von dem Tier und so war es eine Kostbarkeit, für die sie viele Tauschgüter bekommen konnten. Andere im Dorf hatten jedoch eigene Pläne mit den neuen Gebeinen. Sie hofften, dass sie stabil genug waren, um als Verstärkung für ein neues Boot zu dienen oder wollten es als Attraktion ausstellen, um dadurch Reisende zu ihnen zu locken, die dann im Dorf einkauften. Es war ein Hin und Her und jeden Tag gab es neue Ideen und ein jeder beanspruchte den Fisch für sich, da seine Idee die Beste war.
Noriat war eher darauf gespannt, wie groß das Tier tatsächlich war, denn die Männer im Dorf neigten leicht zu Übertreibungen. Ihre größte Hoffnung war jedoch, dass niemandem etwas zustoßen würde. Kein Fang der Welt war groß genug, um das Leben von Menschen entschädigen.
»Eiat, bist du da? Oder sonst jemand?«
Noriat schrak aus ihren Gedanken hoch, legte das Stück Holz, aus dem sie versuchte ein kleines Instrument zu schnitzen, beiseite und eilte zur Tür. Es war Enok und neben ihm der fremde Junge. Wie immer stand er mit ausdruckslosem Gesicht da und starrte nur geradeaus.
»Hallo Noriat, ist deine Mutter zu Hause? Oder dein Vater?«
»Nein, tut mir leid. Was ist denn los?«, antwortete sie sofort.
»Der Junge«, seufzte Enok. »Er war wieder in meinem Haus. Er stand vor meiner großen Wandkarte und hielt gerade ein Stück Kohle in der Hand, als wolle er etwas darauf zeichnen. Er tat es jedoch nicht. Ich muss mit deinen Eltern darüber reden, wie es weitergehen soll. Wir sollten uns aktiver auf die Suche nach seiner Heimat machen. Aber das berede ich besser nicht mit dir. Weißt du, wann deine Eltern wieder heimkommen?«
Seine grauen Haare hingen ihm durcheinander ins Gesicht und seine Augen verrieten ihr, dass er erschöpft und müde war.
»Es sollte nicht lange dauern«, meinte Noriat. »Mutter wollte nur kurz etwas für unser Abendessen holen. Komm doch rein und warte auf sie.«
Sie trat beiseite und bot dem alten Mann den Eintritt in das Haus an. Er lächelte und nahm ihr Angebot mit sichtlicher Dankbarkeit an, den Jungen am Arm hinter sich herziehend.
»Das ist lieb von dir, meine Kleine.«
Er setzte sich an den großen Esstisch und atmete tief durch. Der Junge blieb an dem Fleck stehen, an dem ihn Enok losgelassen hatte und starrte einfach nur gerade aus.
Er bemerkte das Stück Holz und das Messer, das danebenlag.
»Du versuchst wohl, eine Hovak zu bauen, wie ich sehe?«
Noriat nickte eifrig, lief zu ihm an den Tisch und hielt stolz ihre ersten Fortschritte hoch.
»Bist du überhaupt schon alt genug, um alleine zu schnitzen? Was sagen denn deine Eltern dazu?« Er blickte sie mit vorwurfsvollem Blick an und sofort stieg ihr die Schamesröte ins Gesicht.
»Nun ja… sie wissen es genau genommen noch nicht. Ich will es ihnen zeigen, wenn ich fertig bin und dann sehen sie, dass ich das alles problemlos kann!«
Als sie vorsichtig aufblickte, sah sie den alten Mann lächeln und begann dann sofort zu grinsen. Enok lachte und wuschelte ihr durch ihre roten Haare.
»Duuu Enok.« Noriat nahm neben ihm Platz. »Darf ich dich mal was fragen?«
»Aber sicher, meine Kleine.« Er lächelte sie väterlich an und beugte sich leicht zu ihr hinunter.
»Du kennst so viele Geschichten über die Geister und das alles, woher weißt du denn so viel? Wo hast du das gelernt?«
Ihre blauen Augen blickten ihn erwartungsvoll an und sie war sichtlich darauf gespannt, mehr von seinen Geschichten zu hören.
Der Alte lachte kurz auf und räusperte sich kurz.
»Viele der Geschichten haben mir die Dorfältesten erzählt, als ich so alt war wie du. Damals schon war ich gefesselt von ihren Worten und so beschloss ich eines Tages, im Alter von neunzehn Jahren, wenn ich mich recht erinnere, loszuziehen und noch mehr der Geschichten zu sammeln. Ich bereiste das ganze Land! Von hier bis weit in den Süden nach Kart, vorbei an der Festung Ark-Dukar, wo der Thron unsres Königs steht. Ein prächtiger Ort! Vielleicht kannst du ihn selbst eines Tages besuchen! Mich nahm damals ein Karawanenführer mit, der den Auftrag hatte, für den damaligen König die schönsten Schätze aus dem Land zu sammeln. Ich überquerte den Ranack See zusammen mit einer Gruppe von Ältesten, die in etlichen Gebeten um den Segen für diese gefährliche und verbotene Reise gebeten hatten. Auf der anderen Seite, in der Stadt Milt, traf ich einen alten Geisterschamanen, der mir noch mehr der Geschichten erzählte und als er merkte, wie sehr mich diese Geschichten faszinierten, nahm er mich mit nach Tennot.«
Noriats Atem stockte. Sie hatte schon von dem Dorf im Tenantarr, dem Geisterwald, gehört. Es galt als die letzte Siedlung, die die von Tenbor geschaffenen Menschen gründeten und die heute noch existierte. Es war ein Ort, von dem sie schon viele mystische Geschichten gehört hatte. Die meisten natürlich von Enok, aber ein paar auch von reisenden Schamanen.
»Ganz recht.« Der alte Mann schien bemerkt zu haben, dass das kleine Mädchen sehr wohl wusste, welche Bedeutung diesem Ort innewohnte.
»Ich bin einer der wenigen Menschen in Nikat, die jemals die Ehre hatten, diesen wundervollen Ort zu besuchen. Und ich sage dir, er ist wahrhaft magisch! Er ist voller Geschichten, jeder kennt eine andere und abends sitzen alle um ein großes Feuer und es wird eine der Legenden erzählt und glaub mir, die meisten dort können es besser, als ich es jemals können werde!«
Für Noriat war das kaum vorstellbar, dass jemand ihre Fantasie mehr beflügeln könnte als Enok dies tat.
»Es kommen immer wieder Reisende mit neuen Geschichten und so wächst der Schatz dort immer weiter. Ab und an werden dort auch Runentafeln gefertigt, um die Masse an Wissen zu bewahren.«
Bevor Noriat etwas sagen konnte, ging die Tür auf und ihre Mutter kam herein, etwas verdutzt, Enok hier zu sehen. Noriat sprang sofort auf und lief zu ihr und rief: »Mama, Mama ich will unbedingt nach Tennot und Geschichten lernen! Bitte bitte darf ich.«
»Was hast du ihr denn schon wieder erzählt«, sagte sie gespielt vorwurfsvoll zu Enok, woraufhin der alte Mann unschuldig zu pfeifen begann und nichts wissend mit den Schultern zuckte.
»Ja meine Kleine«, sagte sie zu ihrer Tochter. »Vielleicht darfst du das irgendwann, aber jetzt gehst du bitte raus. Rinek hat sich gerade seine Angel geschnappt und ist auf dem Weg zum Steg, willst du ihn nicht begleiten?«
»Aber kann ich nicht hierbleiben? Ich will wissen, was ihr mit dem Jungen machen wollt.«
Eiat schüttelte den Kopf. »Nein, heute nicht. Das ist nichts, worüber du dir Gedanken machen solltest. Geh jetzt bitte runter zum Steg.«
Ihr Tonfall machte deutlich, dass das Gespräch damit beendet war und Noriat stapfte missmutig aus der Tür, schnappte sich ihre Angel und folgte der großen Dorfstraße hinab zum Meer.
Noriat setzte sich neben ihren Bruder und begann ihm alles zu erzählen. Doch einer der wenigen Unterschiede zwischen den beiden Geschwistern war die Leidenschaft für Geister und Geschichten, die Rinek mit seiner Schwester nicht im geringsten teilte. Rinek war vielmehr daran interessiert, was sie mit dem Jungen vorhatten. Er dachte, es sei nicht ihre Aufgabe, sich um ihn zu kümmern und stimmte Enoks Meinung zu, dass sie sich bald nach seiner Heimat umschauen sollten. Er wollte zwar nicht, dass dem Jungen etwas zustieß, aber ihn weiter bei sich wohnen lassen, lag ebenso wenig in seinem Sinn.
»Sei doch nicht so«, erwiderte Noriat vorwurfsvoll. »Er macht das doch nicht mit Absicht! Er wäre sicher auch lieber zuhause bei seiner Familie.«
»Und wieso tut er dann nichts? Uns sagen, wo er herkommt? Er könnte es aufzeichnen oder auf einer Karte zeigen! Er scheint nicht erpicht darauf zu sein, wieder zu seiner Familie zu kommen.«
Er warf die Angel aus und feuerte die Fische an, endlich anzubeißen.
Noriat blickte umher und winkte einem der Fischer zu, der gerade von einem langen Tag heimkehrten. Als sie zum Strand schaute erschrak sie kurz. Da stand der weiße Junge regungslos am Ufer und starrte auf das offene Meer hinaus. Sie wollte gerade aufstehen und zu ihm hinübergehen, als Rinek sie am Ärmel packte und mit dem Kopf in Richtung der Dorfstraße deutete.
Ein paar der anderen Kinder aus dem Dorf kamen herunter und zeigten mit ihren Fingern auf den Jungen.
»Seht euch den doch mal an. Ob er wohl gerade überlegt, sich im Meer zu ersaufen?«, höhnte einer von ihnen.
Die anderen lachten.
»Vielleicht sollen wir ihm helfen? Ihm die Entscheidung abnehmen?«
Einer warf einen Stein und traf den Jungen direkt am Kopf. Doch dieser rührte sich nicht.
»Hört auf!«
Noriat hatte sich von Rinek losgerissen, war aufgesprungen und eilte vom Steg ans Ufer.
»Hört auf, er hat euch nichts getan. Er hat bestimmt schreckliche Dinge durchgemacht, da müsst ihr ihn nicht auch noch ärgern.«
Sie stellte sich schützend vor den Jungen, der sich nicht bewegte. Ganz so, als würde er von all dem nichts mitbekommen.
»Ohhhh, die kleine Nori ist wohl verliebt«, höhnte Joiseek, der Größte von ihnen.
»Willst du ihm etwa ins Meer nachlaufen? Dem hässlichen Viech!«
»HÖR AUF!« Noriat schrie mit aller Kraft, doch es schallte ihr nur Gelächter entgegen.
»Was sonst? Was wi-«, Joiseek konnte den Satz nicht beenden. Er griff sich an den Hals und rang nach Luft. Sein Kopf lief rot an und er stürzte zu Boden. Ein grausiges und gurgelndes Geräusch kam aus seinem Mund. Er wand sich am Boden und schlug hilflos um sich. Knack! Es riss einen seiner Arme nach hinten, der jetzt in einem unnatürlichen Winkel von ihm abstand. Er schrie nicht, es gab nur dieses Gurgeln von sich. Plötzlich erhob er sich von den Ufersteinen und stieg langsam in die Luft. Immer weiter und weiter! Die anderen Jungen, Noriat und Rinek, der inzwischen neben seiner Schwester stand, schrien laut um Hilfe.
Eine Hand packte Noriat und zog sie immer weiter von dem in die Luft steigenden Joiseek weg. Aber in diesem Moment zerriss es ihn in tausend Stücke. Blut und Fleischfetzen spritze auf sie alle herab und plötzlich war es totenstill. Der weiße Junge war verschwunden.

Das ganze Dorf war in der großen Dorfhalle versammelt und rief wild durcheinander.
»Noriat hat den armen Joiseek getötet!«, riefen die einen, »Schwachsinn, das kleine Mädchen? Er war mehr als einen Kopf größer als sie!«, die anderen.
»RUHE!«
Noch nie hatte Noriat Enok die Stimme derart laut erheben hören.
»Jeder weiß, dass wohl niemand von uns dem Kleinen so etwas antun könnte. Auch beschuldigt niemand der Augenzeugen jemanden aus unserem Dorf. Auch nicht Noriat«, fügte er hinzu, als erneut Aufrufe ertönten.
»Es gibt nur eine Erklärung. Tenrack will uns bestrafen und hat uns den fremden Jungen geschickt, der uns heimsuchen soll. Wir müssen ihn aus unserem Dorf vertreiben!«
Zustimmende Rufe kamen von allen Seiten und Erleichterung breitete sich in Noriat aus. Sie spürte die Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter ruhen. Sie war sich sicher, dass der Junge Schuld daran trug und sie wollte nichts lieber, als ihn so schnell wie möglich loszuwerden. Ihre Mutter hatte ihr rasch klargemacht, dass sie keine Angst zu haben brauche. Weder vor den Leuten im Dorf, die überstürzt einen Schuldigen suchten, auch wenn es ein kleines Mädchen sei, noch vor dem Jungen, da man ihn sofort aus Nikat wegbringen würde.
Die große Holztür schwang mit einem Ruck auf, ganz wie an jenem Abend am Fest Tenbors. Dort stand wieder der Junge im Türrahmen. Seinen Kopf hatte er gesenkt. Zwei Männer, die der Tür am nächsten standen, stürzten auf ihn zu und packten ihn an den Armen, schrien jedoch sofort auf und starrten auf ihre Hände. Rauch stieg von ihnen auf und sogleich brannten sie lichterloh. Die Flammen schlugen um sich und unter qualvollen Schreien verbrannten sie bei lebendigem Leib. Noriat schloss die Augen und umklammerte krampfhaft die Hand ihres Vaters.
Alle wichen von dem Jungen zurück, der sich noch kein Stück bewegt hat.
»Was willst du von uns? Hat Tenrack dich geschickt?« Enok ergriff wieder das Wort und schritt auf den Eingang zu. Jeder normale Mensch wäre sofort vor ihm zurückgewichen. Doch die weiße Gestalt war kein normaler Mensch. Er hob langsam den Kopf und lächelte, wenn auch kaum merklich. Selbst Enok schien erschrocken und blieb stehen.
»Hat Tenrack dich geschickt?«, wiederholte er mit lauter und drohender Stimme.
Stille.
Niemand traute sich auch nur ein Wort zu sagen und auch der Junge schwieg weiterhin. Er bewegte sich auch nicht. Er starrte nur gerade aus und lächelte.
»Was haben wir dir dann getan? Was willst du von uns!«
Der Junge legte den Kopf zur Seite und sein Mund verzog sich nun zu einem breiten Grinsen. Er hob den Arm, wobei seine Hand schlaff nach unten hing. Dann drehte er sie langsam so, dass seine Handfläche nach oben zeigte. Enok wich ein paar Schritte zurück. Noriat hatte Angst und sie vergrub das Gesicht im Umhang ihres Vaters, der jetzt erst wieder zu bemerken schien, dass sie und ihr Bruder neben ihm standen.
»Lauft«, flüsterte er aus dem Mundwinkel. »Schnell!«
»Aber-« Rinek wollte etwas sagen.
»Lauft!«, befahl ihr Vater, diesmal lauter.
Noriat packte ihren Bruder und sie gingen vorsichtig auf einen der kleineren Ausgänge der Halle zu. Sie blickte über die Schulter und sah gerade noch, wie der weiße Junge die Hand ruckartig zu einer Faust ballte. Im selben Moment dröhnte ein lautes Knacken durch die Halle und binnen eines Wimpernschlags sackten alle Dorfbewohner zusammen. Im flackenden Schein der Feuer sah sie mit Entsetzen, wie Knochen aus den aufgerissenen und blutigen Hälsen der Menschen ragten. Noriat umklammerte die Hand ihres Bruders und sie rannten. Sie rannten so schnell sie nur konnten.

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