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Terry Pratchett

Scheibenwelt
Die Krone des Schäfers: Ein Märchen von der Scheibenwelt


 
»Die Krone des Schäfers: Ein Märchen von der Scheibenwelt« (Scheibenwelt) von Terry Pratchett


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(3)

 
 
Nach dem Tod von Oma Wetterwachs ist die unsichtbare Grenze, welche die Scheibenwelt vom Märchenland der Elfen trennt, durchlässiger geworden. Immer öfter wechseln die Elfen ins Kreideland über um dort ihrem unheilvollen Treiben nachzukommen. Aber auch im Elfenreich selber vollziehen sich, nachdem die Königin Nachtschatten durch Lord Erbsenblüte abgesetzt und aus dem Märchenreich auf die Scheibenwelt verbannt wurde, folgenschwere Dinge.

Lord Erbsenblüte möchte das Elfenreich auf die Scheibenwelt ausdehnen und schreckt auch vor einem Krieg nicht zurück. Die einzige die das noch verhindern kann ist die junge Hexe Tiffany Weh, die stillschweigend von ihren Hexenkolleginnen als Nachfolgerin von Oma Wetterwachs akzeptiert wurde. Ihr zur Seite stehen die Hexen der Scheibenwelt, die kleinen freien Männer und ein paar beherzte Einwohner der Scheibenwelt. Aber, reicht das aus um die Invasion aus dem Märchenland abzuwehren?

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Mit dem Werk Die Krone des Schäfers (OT:The shepherd`s crown) liegt nun offiziell der letzte Scheibenweltroman aus der Feder von Sir Terry Pratchett vor. Zumindest in weiten Teilen, denn wenn es stimmt, verstarb Pratchett kurz vor der Vollendung des Buches, so dass seine Arbeit von seiner Tochter Lyn abgeschlossen werden mußte. Ich will es nicht gerade als Flickschusterei bezeichnen, aber man merkt dem Buch einfach an das es nicht so geworden ist wie Pratchett es sich vermutlich gewünscht hätte. Der Satz im Nachwort „Hätte Terry länger gelebt, wäre der Roman mit ziemlicher Sicherheit länger geworden“, spricht Bände.

Während der Anfang des Buches um den Tod von Oma Wetterwachs, und allem was damit zusammenhängt, noch geradezu künstlich in die Länge gezogen wirkt, überschlagen sich zum Ende hin die Ereignisse. Der Krieg zwischen den Hexen und den Elfen findet gerade mal auf ein paar Seiten statt und eh man sich`s versieht ist das Buch auch schon zu Ende. Das wirkt alles überhastet und schrecklich unfertig, die im Klappentext noch großartig angedeutete „gewaltige Invasion“ verpufft im Nichts. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Pratchett solch ein Ende geschrieben hätte. Aber sei es drum. Die Geschichte von Tiffany Weh und ihren kleinen freien Männern hat ein Ende gefunden. Ob sie jemals weitergeschrieben wird wage ich zu bezweifeln.

Die erste Hälfte des Buches liest sich für mich mitunter wie eine Parabel. Oma Wetterwachs, eine Institution der Scheibenwelt, ist gestorben. Da kommt, auch wenn ich mich für die Geschichten um die Hexen Esme Wetterwachs, Nanny Ogg und Magrat Knobloch nie so richtig begeistern konnte – ich habe die Stadtwache immer bevorzugt-, dennoch richtig Wehmut auf. Ihre Nachfolgerin ist bereits gekürt – die junge Tiffany Weh. Und wie das halt so ist, wenn man noch neu ist und in die großen Fußstapfen der Vorgängerin treten muss, läuft noch nicht alles rund. Der Motor stottert und alles muss sich erst einmal einspielen. Nachsicht mit der Nachfolgerin ist angesagt.

Und hier, im jetzt und heute, haben wir Terry Pratchett, den Erfinder der Scheibenwelt. Genau wie Oma Wetterwachs ist seine Zeit gekommen, die Nachfolgerin, seine Tochter Lyn, steht schon bereit um in seine Fußstapfen zu treten. Und genau wie bei Tiffany Weh, müssen auch wir Nachsicht mit der Nachfolgerin üben. Auch hier kann noch nicht alles auf Anhieb rund laufen, muss sich erst alles einspielen. Fast wirkt es, als hätte Pratchett den Abgang von Oma Wetterwachs zum Anlass genommen, um seine eigene Nachfolgerin einzuführen. Das der Tod von Oma Wetterwachs fast zeitgleich mit seinem eigenen zusammenfällt ist für mich kein Zufall, das wirkt wie von langer Hand geplant.

Zu dem Buch selber gibt es für mich nicht viel zu sagen. Mal von dem viel zu langen Anfang und dem viel zu kurzen Ende abgesehen, plätschert die Handlung so vor sich hin. Wirkliche Höhepunkte gibt es nicht. Tiffany hilft hier, Tiffany hilft dort, freundet sich mit der verstoßenen Elfenkönigin an und kann ihr Anstand und Moral beibringen. Das wirkt auf mich recht plakativ und an den Haaren herbeigezogen. Fast so, als wollte Pratchett noch mal eben einen Hauch von Versöhnung und Verständnis über die Scheibenwelt wehen lassen. Ende gut, alles gut. Der junge Gottfried mit seiner Ziege sorgt zwar etwas für Abwechslung, kann die aber recht spröde Handlung nicht wirklich herumreißen.

Der Tod von Oma Wetterwachs, ich hatte es oben schon geschrieben, hat mich irgendwie berührt. So unspektakulär ihr Abgang auch beschrieben wurde, so spektakulär sind jedoch die Auswirkungen. Sie stirbt in aller Stille, aber die Nachwirkungen sind auf der ganzen Scheibenwelt zu spüren. Befänden wir uns im Star Wars Universum, spräche man von einer "Erschütterung der Macht" - genauso wie auch der Tod von Terry Pratchett die Fantasy Leser erschüttert hat. Die Worte von TOD adeln Oma Wetterwachs: "DU HINTERLÄSST DIE WELT BESSER ALS DU SIE VORGEFUNDEN HAST. ES IST MIR EINE EHRE DICH ABZUHOLEN." Wären wir alle ein kleines Stückchen mehr wie Oma Wetterwachs, sähe die Welt viel schöner aus.

Beachtenswert ist noch die Rede von Käpt`n Friedensreich kurz vor der angeblich so gewaltigen Invasion aus dem Märchenland (Seite 341). „Wir werden sie auf den Bergen bekämpfen. Wir werden sie in den Tälern bekämpfen. Wir werden sie auf den Hügeln und in den Senken bekämpfen. Wir werden uns nie ergeben.“ Das ist vom Wortlaut her fast eine 1:1 Kopie der Rede des britischen Premierministers Winston Churchill, die dieser am 04. Juni 1940, anlässlich der Luftschlacht um England und einer möglichen bevorstehenden Invasion Englands, vor dem britischen Unterhaus gehalten hat. Meiner Meinung nach übertreibt es hier Terry Pratchett, oder wer immer dafür verantwortlich ist, deutlich. Eine Nummer kleiner hätte auch gereicht.

Zu der Übersetzung möchte ich nicht viel sagen. Ob es Regina Rawlinson besser oder schlechter gemacht hat als Andreas Brandhorst oder Gerald Jung, muss jeder für sich entscheiden. Die Meinungen gehen auseinander und die Diskussionen werden recht kontrovers geführt. Bis auf ein paar Ausrutscher und dem Drang alles irgendwie einzudeutschen ("Tschüssikowski") will und kann ich mich nicht großartig beschweren. Der manchmal recht holprig zu lesende Text kann auch andere Gründe haben als eine schlechte Übersetzung, zumal Pratchett vermutlich gesundheitlich schwer angeschlagen war als er das Buch schrieb. Ist es die Aufgabe einer Übersetzerin einen im original recht holprig geschriebenen Text zu überarbeiten und zu glätten? Oder wird dadurch der ursprüngliche Stil entfremdet? Ich will da kein Urteil fällen.


Wird es in Zukunft noch Bücher von der Scheibenwelt geben? Ich weiß es nicht, ebenso wenig ob ich diese noch lesen würde, wenn sie denn erscheinen. Es wäre vermutlich nicht mehr das gleiche. Alles hat seine Zeit, Oma Wetterwachs ebenso wie Terry Pratchett und die (seine) Scheibenwelt. Ich halte die Bücher in Ehren und werde sie ab und an wieder hervorholen um sie noch einmal zu lesen – denn sie sind es wert gelesen zu werden.
 
 
 


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