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Jay Lake

Die Räder der Welt

  • Autor:Jay Lake
  • Titel: Die Räder der Welt
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Bastei Lübbe (Bastei Verlag)
  • Datum:16 März 2012
  • Preis:EUR 12,99 EUR

 
»Die Räder der Welt« von Jay Lake


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(3)

 
 
Eines Nachts, wir schreiben den 21. Mai im Jahre des Herrn 1900, bekommt der junge Uhrmacherlehrling Hethor Jacques Besuch. Der Besucher ist dabei niemand geringeres als der Erzengel Gabriel. Dieser erteil dem jungen Hethor eine Aufgabe. Da die Antriebsfeder der Welt abläuft, soll Hethor den „Schlüssel der ewigen Bedrohung“ suchen und finden. Ohne weitere Erklärungen verschwindet Gabriel wieder.

In der Gewissheit, dass Hethor nun für das Schicksal der Menschheit verantwortlich ist, lässt er alles hinter sich und folgt dem Rat einer alten Bibliothekarin, ihr Name ist Emily Childress, sich an den Hof des Vizekönigs ihrer Majestät in Bosten zu begeben. Der dortige Hofmystiker, ein Mann namens William of Ghent, könnte ihm eventuell bei der Suche behilflich sein.

Hethor macht sich nun auf nach Bosten um Ghent zu treffen. Bei dem darauf folgendem offiziellen Zusammentreffen jedoch erklärt William, dass es sich bei Hethor um einen Lügner und Scharlatan handelt und wirft ihn ins Gefängnis. Kaum in diesem angekommen, wird Hethor von einer Gruppe Seeleute, in diesem Fall eher Luftschiffer, schanghait und auf ihr Luftschiff entführt. Dort muss er fortan zahlreiche Abenteuer gegen geflügelte Himmelswesen und einer Gruppe „vergessener Menschen“ bestehen. Er nimmt an der Suche nach einer verschollenen Expedition teil und trifft einige, ihm bekannte, Leute wieder.

Erst als er von den kriegerischen Himmelswesen erneut entführt und auf den „Wall der Welt“ gebracht wird, einer riesigen Mauer die sich einmal um den Äquator windet und die nördliche von der südlichen Hemisphäre trennt, kann er sich aufmachen seinen Auftrag, den ihm Gabriel gegeben hat, auszuführen. Dabei lernt er unter anderem die Liebe seines Leben kennen und entdeckt fremde Orte und noch fremdere Völker. Im Herzen der Welt und dem Ort wo alles endet oder beginnt, trifft er einen alten Bekannten wieder. Hethor muss sich entscheiden ob der Auftrag von Gabriel tatsächlich lebenswichtig ist oder ob er seinem Widersacher William of Ghent vertrauen sollte. In seinen Händen liegt nichts weniger als das Schicksal der Erde.

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Wie man sieht, passiert in dem vorliegenden Buch ziemlich viel. Leider macht das nicht immer Spaß zu lesen, denn die Geschichte ist oftmals ziemlich unlogisch oder nicht ganz nachvollziehbar. Aber eines nach dem anderen.

Die Welt, die Jay Lake hier entworfen hat, ist geradezu phantastisch. Es ist unsere Welt, aber dennoch nicht mit ihr zu vergleichen. Sie ist untereilt, in die industrialisierte Nordhalbkugel mit den Weltmächten England und China und der naturbelassenen Südhalbkugel, bewohnt von unbekannten Völkern und Tieren. Unser Sonnesystem ist quasi ein gigantisches Uhrwerk. Die Erde läuft auf einer Schiene mit Zahnrädern um die Sonne. Der Gegenpart dieser Schiene ist unser Äquator. Einmal um die Welt laufend, trennt er nicht nur die nördliche Hemisphäre von der südlichen, sondern er fungiert auch als riesiger Zahnkranz, der auf der Schiene um die Sonne läuft. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren auch alle anderen Planeten, einschließlich unseres Mondes. Wirklich außergewöhnlich und phantastisch. Leider nur, kann die Geschichte nicht mit diesem Setting mithalten.

So abenteuerlich die Geschichten auch sind, geflügelte Himmelswesen, Luftschiffe, verschollene Expeditionen, so unnötig sind sie aber auch. Es sind eigentlich nur Lückenfüller, zwar durchaus nett zu lesen, für die Geschichte selber, die Suche nach dem „Schlüssel der ewigen Bedrohung“, sind sie jedoch überflüssig und bringen Hethor auch nicht viel weiter. Es ist überhaupt ein Wunder, dass Hethor jemals fündig wird. Er hat nur den Auftrag von Gabriel bekommen den Schlüssel zu suchen, aber null Hinweise oder hilfreiche Tips. Auch die Leute, die ihm durchaus freundlich gesonnen sind, wie etwa Bibliothekarin Childress oder Mister Phelps, können ihm mangels Informationen nicht weiterhelfen. Und die Leute, die es könnten, William of Ghent oder der Offizier Simeon Malgus, wollen es nicht, denn jeder hat seine Gründe dafür. So bleibt Hethor nichts anderes übrig als sinn-, plan- und ziellos sich von einem Ort an den anderen treiben zu lassen. Die Suche an sich gerät dabei oftmals in den Hintergrund.

Als minimale Anhaltspunkte scheinen drei „Sachen“ zu dienen. Einmal eine kleine Narbe an seiner Hand und eine kleine Feder die ihm Gabriel übergeben hat (und durch die auch die Narbe an der Hand entstanden ist). Beides erweist sich im Lauf der Geschichte jedoch als Sackgasse und man fragt sich, warum sie überhaupt erwähnt wurden. Bleibt als Hilfe für Hethor nur noch eine goldene Tafel die er auf seiner Suche findet und mit, für ihn nicht identifizierbaren, Symbolen versehen ist. Jedesmal, wenn er die Tafel verliert (das ist zweimal der Fall) taucht sie wie durch ein Wunder wieder neu auf. Diese Tafel erweist sich durchaus als relativ hilfreich bei der Suche. Aber es bleibt die Frage, wieso die Schrift von Hethor nicht gelesen werden kann wenn sie doch so wichtig ist. Erst durch Seelenmagie, einer Fähigkeit die mal einfach so von Hethor erlernt wird oder ihm durch göttliche Inspiration in den Schoss fällt, kann er die Tafel entziffern oder auch die Sprache eines fremden Volkes erlernen. Nur, warum dann nicht gleich so? Warum dieser Umweg? Die Suche muss relativ zügig vonstatten gehen und für solche Spielereien sollte eigentlich keine Zeit sein.

Diese Seelenmagie ist nicht die einzige Fähigkeit über die Hethor plötzlich verfügt. Am Ende hat er den „Heiligen Blick“. Wie NEO in MATRIX sieht Hethor auf einmal nicht mehr nur das was seine Augen ihm zeigen, sondern er kann den Dingen auf den Grund schauen. So wie NEO den Programmcode der Matrix erkennen kann, kann Hethor in die Menschen schauen. Er erkennt die Räderwerke und Federn die die Menschen antreiben. Durch gezielte Manipulationen dieses Innenlebens kann er die hölzernen Wächter besiegen, Tote zum Leben erwecken oder Blumen und Gras in der Antarktis aus dem Nichts entstehen lassen. Spätestens da wird es immer abstruser. Das mag ich auch nicht mehr mit der achso allgegenwärtigen Magie mehr erklären. Hethor landet (naja, eigentlich stürzt er mehr oder weniger ab) in der Arktis und findet dort, ohne Probleme, den Eingang zum Herz der Welt. Frei nach dem Motto: Er kam, sah und fand. Aber wie fand er es? Der Autor bleibt dem Leser die Erklärung leider schuldig.

Die Liste der Ungereimtheiten zieht sich durch die gesamte zweite Hälfte des Buches. Hethor bricht auf, um die Weisen zu finden die ihm bei der Suche weiterhelfen sollen. Diese Weisen werden danach komischerweise jedoch nicht mehr erwähnt, statt dessen trifft er dort auf ein "vergessenes Volk" das, aufgrund der goldenen Tafel die er mit sich führt, in ihm einen Boten Gottes sieht. Nachdem er in dem Dorf die Seelenmagie findet (oder lernt oder wie auch immer) macht er sich auf die weitere Suche nach dem Schlüssel. Er findet eine Stadt, bevölkert mit Zauberern und Hexenmeistern und einen alten sterbenden Bekannten. Passenderweise findet er dort ebenfalls ein Luftschiff (ohne Besatzung dafür aber mit Proviant und Treibstoff) das er sich unter den Nagel reißt um damit seine planlose Suche fortzusetzen. Passend, nicht wahr?

Das Ende der Geschichte selbst ist unspektakulär. Den „Schlüssel der Bedrohung“, mit dem er alles wieder ins Lot bringen soll, erkennt er durch den „Atem Gottes“ der auf ihm "liegt". Woher der auf einmal kommt, weiß man auch nicht. Wenn er diesen schon länger hatte, war er bis dato jedoch nicht besonders hilfreich. Der Schlüssel entpuppt sich als …, das muss man selber lesen, sonst glaubt man es mir nicht und ehrlich gesagt, ich habe es auch nicht wirklich verstanden. Die Lösung steht auch im Widerspruch zu dem, was der Leser im Verlauf der Geschichte erfahren hat. Der Abt im Tempel am Äquator erzählte, das der „Schlüssel der Bedrohung“ eine von sieben Reliquien sei, die in die südliche Hemisphäre gebracht wurden. Diese Aussage entpuppt sich, wenn man sich die Lösung anschaut, als Blödsinn. Wollte der Autor den Leser verwirren, oder wusste er es zu diesem Zeitpunkt selbst nicht?

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich vermuten, dass etwa ab Seite 200 ein anderer, weniger begabter Autor, die Geschichte von Jay Lake weitergeschrieben hat. Was sich anfangs als wirklich interessante und schöne Abenteuergeschichte in einem phantastischen Weltenentwurf anmutete, verkommt zu einem pseudoreligiösen und, von mir, schon nicht mehr ganz nachvollziehbarem Geschreibsel.

Ist der Charakter von Hethor noch relativ gut ausgearbeitet, so vernachlässigt der Autor jedoch alle anderen. Sie dienen lediglich als schmückendes Beiwerk. Gerade aus Simeon Malgus und William of Ghent hätte man viel mehr machen können. Sie werden jedoch recht lieblos behandelt und verschwinden genauso schnell wie sie aufgetaucht sind. Beide nehmen ein unrühmliches Ende. Aus den geflügelten Himmelswesen wird man auch nicht schlau. Sie sind weder gut noch böse, sondern machen genau das, was der Autor gerade braucht. Werden sie als Transportmittel genutzt sind sie gut, wird ein bisschen Action zur Abwechslung gebraucht sind sie die Bösen. Der Autor scheint ein Fan von William Shakespeares Werk –Wie es euch gefällt- zu sein. Die Himmelswesen hätten allerdings besseres verdient gehabt.

Im Bastei Lübbe Verlag ist mittlerweile die Fortsetzung des Buches, bzw. ein weiteres Abenteuer aus dem Uhrwerk-Universum, geplant - Die Räder des Lebens. Ein paar Bekannte aus dem vorliegenden Buch tauchen auch wieder auf. Die Bibliothekarin Miss Childress und der ruppige, aber herzliche Luftschiffer Threadgill Angus al-Wazir, der Hethor aus dem Gefängnis, in das William of Ghent in warf, befreite. Sollte es dem Autor gelingen an der Qualität der ersten 200 Seiten dieses Buches anzuknüpfen, so könnte es sich als durchaus interessant und abenteuerlich erweisen. Ich möchte es auf jeden Fall oder auch trotz allem dennoch herausfinden.
 
 
 


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