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Andreas Brandhorst

Seelenfänger

  • Autor:Andreas Brandhorst
  • Titel: Seelenfänger
  • Serie:
  • Genre:SF
  • Einband:Taschenbuch
  • Verlag:Heyne Verlag
  • Datum:08 Oktober 2012
  • Preis:14,99 EUR

 
»Seelenfänger« von Andreas Brandhorst


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4)

 
 
Der gelähmte Zacharias Calm ist einer von vielen Travellern des Philanthropischen Instituts deren Aufgabe darin besteht, komatösen Patienten zu helfen. Um dies bewerkstelligen zu können, klinkt er sich mit Hilfe der Droge Tetranol in deren Bewusstsein ein und versucht den Grund ihres Komas zu ergründen und alles für eine erfolgversprechende Therapie vorzubereiten. Begleitet wird er dabei von der Therapeutin Florence die, ebenfalls mit der Droge Tetranol behandelt und an einen Computer Namens Lily angeschlossen, mit seiner Hilfe gleichfalls in das Bewusstsein des Patienten eindringen kann. Florence dient dabei als eine Art Kontrollfaktor der auf Zacharias aufpassen soll und zudem als Schnittstelle zu dem Computer Lily, der alle ermittelten Sachverhalte aufnimmt und protokolliert. Zacharias und Florence sind nicht nur ein gutes Team, sondern auch ineinander verliebt.

Eines Tages wendet sich ihr Chef, Direktor Rasmussen, mit einer dringlichen Aufgabe an sie. Ein Mitarbeiter des Samsung-Nippon Unternehmens, einer der Geldgeber des Institutes, ist unerklärlicherweise ins Koma gefallen. Ein Kollege von Zacharias, Teneker, wurde beauftragt den Patienten mittels travellen zu untersuchen und den Grund des Komas herauszufinden. Doch etwas lief schief. Der Kontakt zu Tenekers Bewußtsein ging verloren und nun gilt dieses als –im Patienten- verschollen. Zacharias und Florence werden beauftragt sich in das Bewusstsein des Patienten einzuklinken, zu travellen, und Teneker und dem Patienten zu helfen. Doch beide verlieren den Kontakt zur Realität und erleiden das gleiche Schicksal wie ihr Kollege. Irgendjemand dunkles, ein Traveller wie auch Zacharias der sich selbst Seelenfänger oder Salomo nennt, verfolgt seine eigenen Pläne und stellt Zacharais vor die Wahl – entweder ihm zu helfen oder zu sterben.

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Die vorliegende Geschichte ist wesentlich komplexer und vielschichtiger als man aufgrund der Inhaltsbeschreibung (oder des Klappentextes) vielleicht vermuten könnte. Sie spielt auf mehreren Ebenen und entpuppt sich dabei als eine Mischung aus Filmen wie etwa Matrix, Inception oder der Miniserie Sleepwalker. Irgendwie hat sie von jedem etwas. Allerdings wird sie nach meinem Dafürhalten mit zunehmender Dauer auch immer abgedrehter und verworrener. Sie fängt sehr stark an und läßt genauso stark gegen Ende hin nach. Irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Brandhorst einfach zu viel wollte und dabei leicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Weniger wäre mehr gewesen.

Habe ich Anfangs noch gedacht hier eine reine Innerspace-Geschichte vorliegen zu haben, die Suche nach dem Seelenfänger und die muntere Reise durch das Bewusstsein des Patienten, so entwickelt sich das ganze im Folgenden zu einer Art Kampf zwischen Mensch und Maschine. Und das nicht nur im Bewusstsein des Patienten, sondern auf einer Art Meta-Ebene von virtuellen, erdachten und konstruierten Welten die sowohl irdischen, wie auch außerirdischen Ursprungs und allesamt miteinander verwoben und verknüpft sind. Der Kampf zwischen den Maschinen und den Menschen um die Vorherrschaft im Space findet dabei nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt statt (eine weitere Anspielung auf Matrix) . Das klingt nicht nur kompliziert, sondern ist es auch. Wohl dem, der dabei noch den Überblick behält. Zacharias und Florence werden mit Situationen konfrontiert, wie sie abstruser nicht sein könnten. Notfalls, wenn’s gar nicht mehr anders geht, wird eine ominöse Wesenheit, die sich selber als Gott bezeichnet und auch so aussieht wie man sich diesen landläufig vorstellt, bemüht. Diese greift immer dann ein, wenn’s für die beiden haarig wird. Die Identität Gottes wird gegen Ende hin zwar enthüllt, macht das ganze dadurch aber nicht wesentlich besser.

***Spoilerwarnung Anfang***
Auch die Identität des Seelenfängers, Salomo genannt, wird mit zunehmender Dauer immer offensichtlicher. Daher ist die eigentliche Enthüllung auch keine Überraschung mehr. Eine Überraschung ist lediglich, warum sich ein 25 jähriges Mädchen als Avatar ausgerechnet das Erscheinungsbild eines alten, narbengesichtigen Mannes wählt. Warum Brandhorst das macht ist schon klar, er will die Identität so lange wie möglich im Verborgenen halten. Aber warum macht Penelope das? Sie versucht immer wieder Zacharias auf ihre Seite zu ziehen. Wenn sie sich ihm in ihrer wahren Gestalt gezeigt und ihre Identität enthüllt hätte, wäre das mit Sicherheit hilfreicher gewesen als dieses Versteckspiel. Zacharias hätte ein bekanntes Gesicht gesehen und eine Person mit gemeinsamen Hintergrund vor sich gehabt. Eine Person mit der ihn vermutlich noch Sympathie verbindet und somit wäre er dadurch vermutlich auch anfälliger für die Pläne Penelopes gewesen. Ihr Versteckspiel macht für mich keinen Sinn.
***Spoilerwarnung Ende***

Die Handlung entwickelt sich im weiteren Verlauf in eine Richtung, die ich bei Beginn nicht für möglich gehalten hätte. Sie wird vielschichtiger und aufgeblähter. Eine wirklich klare Linie ist für mich schon nicht mehr zu erkennen. Brandhorst liefert für mich keine wirklich nachvollziehbare Erklärung dafür wie es sein kann, dass sich die Realität und die Traumwelten (so will ich sie mal nennen) miteinander verweben und interagieren. Welchen gemeinsamen Schnittpunkt haben sie? Wie kann es sein, dass die Außerirdischen Krehel in die Bewusstseinsebene der Menschen eingreifen können? Und vor allen Dingen, was sind das für Menschen die den Space und die virtuellen Welten bewohnen? Woher kommen sie? Haben sie ihre Körper in unserer Realität zurückgelassen und durchstreifen nun als Bewusstseine den Space? Und wie kann es sein, dass Florence im Space Kinder bekommt? Sie haben keinen Körper auf der Erde, sind sie dadurch nur virtuelle Kinder? Nur Bewußtseine die bei einem Reset des Space (sollte es so etwas geben) im Nichts verschwinden? Fragen über Fragen.

Die ganze Geschichte ist, wie oben schon angeführt, eine Ansammlung von Versatzstücken allseits bekannter Filme; und das ist nicht unbedingt negativ gemeint. Spätestens dann, wenn Zacharias, ähnlich wie Neo, den (Matrix)Code vor sich sieht, also nicht mehr die Personen als solche, sondern vielmehr die Bits und Byts aus denen sie bestehen, und diese beliebig neu anordnen kann, weiß ich was die Stunde geschlagen hat. Das muss nicht schlecht sein, Brandhorst ist ein guter Autor und er versteht es auch das alles spannend und gut lesbar dem Leser rüberzubringen. Warum aber der Weg den Lily einschlagen will richtiger als der von Salomo dem Seelenfänger sein soll, will sich mir nicht wirklich zeigen. Anstatt gegeneinander zu agieren, wäre es doch sinnvoller wenn Mensch und Maschine gemeinsam gegen die außerirdische Bedrohung durch die Krehel vorgehen würden. Statt dessen verzetteln sie ihre Kräfte im Kampf gegeneinander.

Ein weiteres Minus ist der Umgang mit einigen der eingeführten Charaktere. Der zwielichtige Thorpe, Teneker oder der Rest der Travaller vom Philanthropischen Institut werden irgendwann links liegengelassen und ihre Geschichte nicht mehr weiter verfolgt. Und das, nachdem sie doch recht interessant aufgebaut wurden. Auch Erasmus, der große Widersacher von Salomo, und Florence' Bekanntschaft Benedict, erfreuen sich nur einer kurzen Lebensdauer. Da hatte ich mir wesentlich mehr erhofft. Definitiv keinen Gefallen getan hat sich, meiner Ansicht nach, Andreas Brandhorst mit dem Ende. Hier hat er selbst den im Buch so oft beschriebenen Reset durchgeführt. Alles was Zacharias und Florence erreicht haben ist damit bedeutungslos geworden, die Geschichte beginnt nun wieder von vorne. Auch wenn die Ausgangslage nun eine andere ist und Salomo ausgerechnet von den Krehel angeworben wird. Auf eine Fortsetzung der Geschichte hätte man vielleicht besser verzichten sollen. Denn wäre das Ende nicht mit Blick auf eine Fortsetzung geschrieben worden, wäre es völlig daneben.

Fazit:
Ich mag es wenn eine Geschichte nicht gleich auf den ersten Blick durchschaubar ist. Mann kann sich dann immer seinen eigenen Reim drauf machen und im folgenden prüfen, ob die eigenen Vorstellungen sich als richtig oder falsch erweisen. Hier ist das aber für mich nicht mehr möglich. Nichts ist real, alles ist real – und dadurch auch alles möglich. Dennoch ist das Buch auf eine eigenartige Art und Weise faszinierend. Es ist spannend und hat mich, trotz einiger Ungereimtheiten, in seinen Bann gezogen.
 
 
 


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